Tierisches Wetterradar

Blick auf das Fell der Araberstute „Mulle“

+
Prüfend fährt Sebastian Roßkopf auf seinem Karolingerhof mit den Fingern durch das Fell von „Mulle“. Verliert die alte Pferdedame schon ihr wolliges Winterfell oder nicht? Wird es endlich Frühling? „Mulle“ gehört Sebastian Roßkopfs Ehefrau Stephanie. Die betagte Araberstute „Mulle“ (sie ist schon 33 Jahre alt) trägt eigentlich den malerischen Namen „Gelbe Vogelbeere“.

Rodgau - Manche vertrauen bei der Vorhersage einem Wetterfrosch auf der Leiter. Der Jügesheimer Landwirt Sebastian Roßkopf hingegen verlässt sich auf ein anderes vierbeiniges Wetterradar: auf die Stute „Mulle“. Von Bernhard Pelka

Erst wenn der alten Pferdedame (sie hat schon 33 Jahre auf dem Buckel) das dichte Winterfell ausgeht, wird es zuverlässig warm. Darauf konnte man sich die letzten Jahre immer verlassen. Derzeit verliert das betagte Tier allerdings noch kein einziges Haar. Kein Wunder. Das Wetter spielt seit Wochen verrückt. Es ist viel zu kalt.

Nachts Frost, tagsüber höchstens acht Grad und eisiger Nordostwind: Frühling fühlt sich anders an. Die Landwirtschaft leidet, ist gut drei Wochen zurück. Hart trifft es auch Gärtnereien. Frühblüher wie Stiefmütterchen und Primeln stehen zum Beispiel in der Gärtnerei Fischer derzeit noch zu Tausenden auf Abruf. Dabei könnten sie bei normalem Wetter längst verkauft sein.

Der Boden ist gefroren

Es ist aber zu kalt, der Boden gefroren. Ans Auspflanzen will da kein Hobbygärtner denken. Auch für Friedhofsgärtner war das gerade zu Ostern ein Thema. Viele Kunden hätten es gerne gesehen, dass die Gräber ihrer Angehörigen zum Auferstehungsfest mit Blumenschmuck verziert worden wären. Aber die Temperaturen machten einen Strich durch diese Rechnung.

Ralf Fischers bildschöne Pflanzen stehen derzeit noch zu Tausenden geschützt im Treibhaus. Dort hält der Blumenexperte sie durch gezielte Kaltluftzufuhr im Wachstum zwar zurück, damit sie für den Verkauf trotz der Standzeit noch attraktiv bleiben. „Das kostet aber eine Menge Energie und damit Geld, denn nachts müssen wir ja heizen.“ Hohe Kosten, wenig Umsatz: keine guten Tage für Gärtner.

Stauden befinden sich noch im Wartestand

Fischers herrliche Stiefmütterchen machen Lust auf Frühling. Derzeit stehen sie allerdings noch geschützt im Treibhaus, um bei Nachtfrost keinen Schaden zu nehmen. Die Einbußen für Gärtnereien wegen des kalten Frühjahrs sind mehr als schmerzlich.

Auch die Stauden befinden sich noch im Wartestand. Sie müssen jeden Abend abgedeckt werden, um Schaden zu verhindern. „Sonst hatten wir immer Mitte März bis Ende April Pflanzzeit. Jetzt fehlen uns schon einige Wochen“, bedauert Fischer. Nicht nur, dass zu wenige Pflanzen Käufer finden. „Da hängt ja auch noch mehr dran. Wer keine Pflanzen braucht, der braucht auch keinen Dünger, keinen Blumentopf und keine Balkonkästen.“

Düngen hätte aber derzeit sowieso keinen Zweck. Die Pflanzen im Freien können die Nährstoffe noch gar nicht aufnehmen. Das bekommt auch Landwirt Roßkopf zu spüren. Wegen der Kälte ist sein Weizen noch nicht einmal zehn Zentimeter hoch und mickert blassgelb vor sich hin. „Der müsste um diese Zeit eigentlich 35, 40 Zentimeter gewachsen und satt dunkelgrün sein. Die Gülle-Düngung konnte er gar nicht verwerten“, erläutert der Bauer die missliche Lage. „Die Chance auf höchste Erträge ist jetzt schon dahin.“

So wird das Wetter: 25 Bauernregeln

So wird das Wetter: 25 Bauernregeln zum Durchklicken

Roßkopf ist zwar sicher, dass die Natur die verlorene Zeit wieder aufholen wird. „Es fehlen den Pflanzen aber einfach drei bis vier Wochen Zeit, um Biomasse zu bilden. Der Ertrag wird also niedriger ausfallen.“ Diese Sorge hat Spargelbauer Jürgen Werlé bis jetzt noch nicht. „So etwa am 20. April wird es den ersten Folienspargel geben“, ist der Fachmann zuversichtlich. Unter Zeit- und Konkurrenzdruck fühlt er sich nicht.

„Die anderen haben ja auch keinen Spargel.“ Das kalte Frühjahr lässt den Nieder-Röder kalt. Die Spargelsaison wird dadurch für Werlé und seine Erntehelfer höchstens ein bisschen stressiger - weil kürzer. Denn die Erntezeit dauert nur bis 24. Juni.

Quelle: op-online.de

Kommentare