Im Rathaus sind die Hobbits los

Rodgau - Wenn gestandene Männer beherzt zur Nähmaschine greifen und sich ein Hobbit-Kostüm nähen, Frauen sich spitze Elben ohren aus Latex aufsetzen und Muffins plötzlich Spinnenbeine bekommen, kann das nur bedeuten: Die Tolkien-Fans treffen sich. Von Veronika Szeherova

So geschehen im Bürgerhaus Rodgau-Weiskirchen. Über 100 Anhänger von John Ronald Reuel Tolkien, dem Begründer der Fantasy-Literatur, begingen dort den zweiten Tolkien-Tag Rhein-Main. Veranstalter waren der Tolkien-Stammtisch „Die grauen Frankfurten“ und die „Phantastische Gemeinschaft Rodgau“.

Nach der erfolgreichen Erstauflage 2009 in Eppertshausen haben die Veranstalter das Datum gezielt ausgewählt. „Wir feiern 2012 gleich mehrere Jubiläen – es ist der 120. Geburtstag Tolkiens, der 75. Jahrestag der Erstveröffentlichung vom kleinen Hobbit, und wir freuen uns auf den Filmstart im Dezember“, erläutert Marie-Noelle Fischer, Zweite Vorsitzende der Deutschen Tolkien-Gesellschaft (DTG).

Heute aber freut sie sich erst einmal auf die Vorträge und Lesungen, Reiseberichte und die wissenschaftlichen Themen. Die ausgestellten Illustrationen der Graphikdesignerin Anke Eißmann entführen den Betrachter direkt nach Mittelerde.

Für die „Phantastische Gemeinschaft Rodgau“ ist das Bürgerhaus Weiskirchen seit Jahren ein bewährter Ort für Veranstaltungen, wie etwa die „PhantastiCon“, die im September zum 13. Mal stattfindet. „Wir sind ein Verein für Rollenspieler, Table Topper und Literaturbegeisterte“, sagt Schatzmeister Thomas Abbenhaus, der begeisterter Tolkien- und Fantasy-Leser ist. „Bei unseren Literaturkreis-Treffen stellen wir uns gegenseitig verschiedene Autoren und Werke vor.“ 44 Mitglieder hat die Gemeinschaft, zu den Spieletagen kommen bis zu 50 Besucher. „Nicht schlecht für einen Nischenverein“, freut sich Abbenhaus.

Bilder vom Tolkien-Treffen in Rodgau

Fantastisches Treffen der Tolkien-Fans 

Gut steht es auch um die DTG, wie Marie-Noelle Fischer sagt: „Wir sind einer der Vereine ohne Nachwuchssorgen. Bei uns kommen Menschen jeden Alters zusammen, vom Legolas-Fangirl bis zum Professor der Mediävistik.“ Über 500 Mitglieder zählt die Gemeinschaft heute, seit den „Herr der Ringe“-Kinofilmen ist die Zahl angestiegen. „Uns gab es aber schon lange vor den Filmen“, sagt die 33-Jährige.

Infos zu den Tolkien-Freunden gibt es auch im Internet

Ziel des Vereins ist es, Tolkien und sein Werk noch bekannter zu machen. Dafür veranstalten die Mitglieder regelmäßige Treffen, Workshops und Lesungen. Außerdem publiziert die DTG wissenschaftliche Schriften, die weltweit anerkannt sind. „Jeder findet seinen Interessensbereich  – einige von uns sprechen fließend Elbisch“, so die zweite Vorsitzende. Bei den offenen regionalen Stammtischen bietet sich Gelegenheit zum Austausch. „Tolkiens Werk umfasst viel mehr als den Hobbit und Herrn der Ringe, die Briefe vom Weihnachtsmann sind zum Beispiel auch wunderschön“, schwärmt Birgit Fischer von den „Grauen Frankfurten“. Für sie und Marie-Noelle Biemer steht fest: „Die Welt, die Tolkien erschaffen hat, ist faszinierend. Sie inspiriert die Menschen und bringt sie zusammen.“ Das ist wörtlich zu nehmen im Fall von Heike Grasenach und Christoph Hirsch, die in ihrer originalgetreuen Hobbit-Verkleidung ein echter Hingucker sind – samt haariger Füße. Sie lernten sich durch die DTG kennen – und lieben. Im vergangenen Jahr haben sie geheiratet. „Am 22. September, an Frodos Geburtstag“, erzählt die 31-Jährige. Sie trug ein grünes Kleid, wie es auch bei einer Hobbit-Hochzeit denkbar wäre.

Tolkien-Literatur und irische Musik

Nähen ist ihre und auch seine Leidenschaft. „Es ist gar nicht so schwer, wenn man es einmal ausprobiert hat“, sagt Hirsch. „Zuhause habe ich noch viel mehr Kostüme, auch Rüstungen, da wird es schon komplizierter.“

Kompliziert und vor allem zeitaufwändig ist auch das Hobby von Dieter Stiebig. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: faszinierende Dioramen von bekannten Bauten aus „Der Herr der Ringe“. Den Turm Orthanc und das „Schwarze Tor“ hat er im Modell-Format nach Weiskirchen mitgebracht. Er benutzt dafür das Dämmmaterial Styrodur, das er mit einem Cutter, Heißkleber und Farbe bearbeitet. „Ich schaue mir die Szenen im Film lange an, dann habe ich den Bauplan im Kopf und baue ihn nach“, sagt der fünffache Vater. Die felsige Struktur erzeugt er mit einem Verdünnungsmittel. „Es frisst das Material kaputt.“ Mit Nachbauten aus „Star Wars“ hat er angefangen, bis ihn das „Herr der Ringe“-Fieber packte. „In jeder freien Minute verziehe ich mich in die Werkstatt.“ Lachend fügt er hinzu: „Dabei kann ich am besten abschalten, auch von den Kindern.“ Kommerziell vertreiben will der Frankfurter die Modelle aber nicht: „Mir ist wichtig, dass es ein Hobby bleibt.“

Die perfekte Verbindung zweier Hobbys hat Dimitra Fleissner gefunden. Sie liebt Tolkiens fantastische Literatur und irische Musik. „Vor dreieinhalb Jahren habe ich angefangen, Harfe zu spielen, es ist jetzt ein ganz wichtiger Teil meines Lebens“, sagt die Pforzheimerin, die sich Großes vorgenommen hat: „Ich möchte Tolkiens Silmarillion vertonen.“ Ihre Harfe, mit deren Klängen sie die Lesungen begleitet, ist eine Sonderanfertigung. Genau wie ihr Kleid, das sie nach der Vorlage von Arwens Sterbekleid genäht hat. „Wir sind schon ein spezielles Völkchen.“

Quelle: op-online.de

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