Überangebot drückt Milchpreis in Keller

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Gestelle aus dicken Stahlstangen und -platten sorgen dafür, dass die Tiere beim Melken in der richtigen position bleiben.

Rodgau - Die Preise für Milch verderben fast so schnell wie das schmackhafte Produkt aus dem Kuhstall selbst. Als die Bauern im vergangenen Sommer bundesweit zum Lieferboykott aufriefen und die Milch tonnenweise auf ihre Äcker kippten, lag der Abnahmepreis pro Liter im Schnitt bei 34 Cent.

Derzeit bekommen Landwirte noch 25 Cent und müssen sich mehr denn je um ihre Existenz sorgen. „Es lohnt sich nicht mehr“,sagt zum Beispiel der Rodgauer Milchbauer Sebastian Roßkopf. „Ich arbeite praktisch für nix.“

Er bleibt trotzdem gelassen, will nicht klagen, beschreibt aber auf Anfrage unserer Zeitung seine Lage als „nicht gerade zufrieden stellend. Uns fehlen im Vergleich zu 2008 einige 10 000 Euro.“Doch Besserung ist nicht in Sicht. Erst am Wochenende scheiterte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) beim Treffen der EU-Agrarminister in Brüssel mit ihrer Forderung, die Erhöhung der Milchquote und damit der Produktionsmengen zu verschieben.

Sebastian Roßkopf schließt die Melkmaschine an.

Ungeachtet des Preisverfalls und der Überproduktion erlaubt die Europäische Union wie vorgesehen eine Ausweitung der jährlichen Milchmengen. Roßkopf erwartet für die kommenden Wochen deshalb noch niedrigere Abnahmepreise von 23, vielleicht 24 Cent pro Liter. Haben müssten Landwirte aber eigentlich 40 Cent. Sonst rechnet sich der ganze Aufwand nicht.

Das kann der Jügesheimer Agrar-Betriebswirt nur abfangen, weil sein Karolingerhof in der Ost-Gemarkung über einen hochmodernen Melkstand verfügt und im Stall fast alle früheren Handgriffe heute automatisiert ablaufen. „Notfalls melke ich meine 100 Milchkühe im Melkstand alleine durch“,beschreibt der 34-Jährige die Vorzüge der High-Tech-Anlage.

DATEN, FAKTEN

Am 2. April 1984 trat die europäische Milchquotenregelung in Kraft. Jeder Milcherzeuger darf seither nur eine bestimmte Menge Milch produzieren. Nur diese Menge wird zu dem mit der Molkerei vereinbarten Festpreis abgenommen. Deutschland ist mit einer Quote von 28,8 Milliarden Kilogramm Milch das größte Milcherzeugerland der EU. Die Milchmengenregelung soll 2015 enden. In Rodgau arbeiten drei Milchviehbetriebe mit insgesamt 220 Tieren. Sie geben pro Jahr 1,8 Millionen Liter Milch. Hessenweit gibt es 150 000 Milchkühe.

Ein dickes Plus ist natürlich auch die Hilfe der ganzen Familie: Frau, Mutter, Vater, Tante - alle sind dabei. „Den reinen Lohnarbeiterbetrieben geht es aber richtig schlecht“,bedauert Roßkopf. Das „Sterben einiger Milchviehbetriebe“ sei „unausweichlich“. Die Bereinigung des Marktes also komme sowieso. Deshalb plädiert der Milchbauer auch für eine Freigabe der Produktionsmengen. Der eigentliche Sinn der Milchquote, die Stabilisierung des Preises über die Begrenzung der Kontingente, sei ohnehin „ausgehebelt“.

Quelle: op-online.de

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