Amtsrichter gibt Geständigem noch eine Chance

Mildes Urteil dank Lebenswandel

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Der Richter hatte Nachsehen mit dem Angeklagtem und gab ihm mit einem milden Urteil eine letzte Chance.

Rodgau - Sein Schmuse-Ruf ist ihm vorausgeeilt. Als „nettesten Bankräuber Hessens“ betitelte eine Boulevardzeitung den Obertshausener Straftäter bei seiner Festnahme im Dezember 2012.

Die Begründung zu den wenig ehrhaften Überfällen auf Rodgauer Sparkassen- und Volksbankfilialen: Er hatte nie eine Waffe, bat höflich um Geld und hat alles gestanden. Jetzt saß der attraktive 28-Jährige im dunklen Anzug vor dem Offenbacher Amtsrichter Jürgen Herbener und nahm seine ebenfalls überaus „nette“ Strafe entgegen: Für zwei vollendete und eine versuchte minderschwere räuberische Erpressungen bekommt der Täter zwei Jahre Haft auf Bewährung, 150 gemeinnützige Arbeitsstunden, diverse Bewährungsauflagen sowie die Kosten des Verfahrens zur Last gelegt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Vierstündige Beweisaufnahme

Doch kann man bei Banküberfällen überhaupt zuvorkommend sein? Die vierstündige Beweisaufnahme gestaltet sich trotz des voll umfänglichen Geständnisses als überaus zäh. Der Richter traut dem schönen Schein zunächst nicht über den Weg. Zu Recht, denn das ist der weniger schöne Hintergrund: Der Angeklagte ist seit seinem 16. Lebensjahr schwer cannabisabhängig, hat deshalb trotz hohem Begabungspotenzial nur sehr mühsam die Mittlere Reife und eine kaufmännische Ausbildung geschafft. Als Torwart hatte er sogar einmal ein Angebot vom FC Schalke 04 - aber überall stand ihm die Drogenproblematik im Weg.

Als er 2009 Hartz-IV-Empfänger wurde und irgendwann die Freundin ging, verwahrloste der Mann in seiner Wohnung. Zwei bis fünf Gramm „Gras“ am Tag, Fußball in weiter Ferne, Bruch mit dem Elternhaus, Schulden beim Drogendealer, der ihn mit Prügel und Drohungen traktierte. So reifte der verzweifelte Entschluss, sich auf illegalem Weg von den Schulden zu befreien.

Bei allen Überfällen unbewaffnet

Am 27. Juli 2011 wählt er dazu per Zufall die Sparkassenfiliale in Weiskirchen. Er trägt einen Trainingsanzug und hat eine Baseballkappe ins Gesicht gezogen. Ohne Worte legt er der Angestellten einen Zettel auf den Schaltertresen: „Das ist ein Überfall, ich habe eine Pistole und Sprengstoff, ich will innerhalb von zwei Minuten 1000 Euro in 50-Euro-Scheinen.“ Da er eine Hand in der Jackentasche hält, glaubt die Angestellte an eine auf sie gerichtete Pistole und zahlt sofort das Geld aus. In Wahrheit ist der Obertshausener bei allen Überfällen unbewaffnet. Auch fordert er immer genau die Summe, die er dem Dealer schuldet.

Mit der gleichen Masche erbeutet der Räuber am 10. November in der Weiskircher Volksbank 750 Euro, der Überfall auf die Sparkasse in Jügesheim am 15. Dezember 2011 missglückt jedoch. Grund: „Der Bankangestellte wollte wissen, ob ich ein Konto bei ihnen hätte, da bin ich wortlos wieder gegangen.“

Mit dem milden Urteil will Richter Herbener dem jungen Mann noch eine Chance geben. Er würdigt damit auch den Lebenswandel aus eigener Kraft, den der Verurteilte seit einem halben Jahr praktiziert. Seit Mitte April ist er rauschmittelfrei und noch bis Oktober in gewollter stationärer Therapie. Außerdem will er das Abitur nachholen und an der Sporthochschule Köln studieren.

(gel)

Quelle: op-online.de

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