Rodgauer Studenten erinnern sich

Vorlesung auf dem Boden

Erster Stadtrat Michael Schüßler war leicht geschockt von den ersten Studientagen.

Rodgau - Container als Seminarräume, Vorlesungen nur noch übers Internet? Die Universitäten in Hessen erleben einen enormen Ansturm. Die Frankfurter Goethe-Uni wird den Höchststand vom Winter 2003/04 von 42.507 Studenten im gestern begonnenen Wintersemester wohl toppen. Von Bernhard Pelka

70.000 Bewerbungen für zulassungsbeschränkte Studiengänge waren dort eingegangen. Es wird also eng auf dem Campus. Wie war das eigentlich früher? Wir haben ehemalige Studenten nach ihren Erinnerungen an die ersten Studientage gefragt.

Überfüllte Hörsäle sind auch Anke Walden nicht fremd. Und das, obwohl ihre Studienzeit nun schon fast 30 Jahre zurückliegt. In Frankfurt startete die Jügesheimerin ihre Juristenkarriere. Heute ist sie Spezialistin für Arbeitsrecht. Ihr erster Studientag im Wintersemester 1984 war „ein leichter Schock“. Zusammen mit gut 500 weiteren Studiosi erlebte sie die ersten Vorlesungen im proppenvollen Hörsaal VI „auf dem Boden sitzend“. Zur Begrüßung gab’s vom Zivilrechts-Prof. gleich einen Dämpfer. „Er hat uns schonungslos klar gemacht, dass höchstens die Hälfte das Examen packen wird.“

In zwiespältiger Erinnerung ist der Juristin auch die eklatante Bücherknappheit. Um eine Chance zu haben, an die für Examenshausarbeiten so wichtigen Kommentare zu kommen, mussten Jurastudenten zu Anke Waldens Zeit bei der Buchausgabe mindestens zwei bis drei Unterstützer haben, die im Getümmel zeitgleich um Fachliteratur kämpften. „Alle waren zur selben Zeit da. Das war ein Gedränge wie beim Schlussverkauf.“ Manche Kollegen legten sich sogar geheime Buchdepots an, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Und das selbst in den Uni-Toiletten. „Ich erinnere mich noch genau an die Seiten, die aus der Neuen Juristischen Wochenschrift geschnitten und dann an die Innenseite eines Deckels des Toilettenspülkastens geklebt wurden.“

Schüßler: Bei Auftaktveranstaltung erschrocken

Ähnliche Zustände erlebte der Erste Stadtrat Michael Schüßler ab Studienbeginn im Wintersemester 1996. „Bei der Auftaktveranstaltung bin ich regelrecht erschrocken“, erinnert sich der Jurist an die drangvolle Enge im Bockenheimer Depot. Auch der hoffnungsvolle Rechtswissenschaftler Schüßler hörte bereits am ersten Studientag, dass nur etwa ein Drittel der jungen Leute ein Prädikatsexamen schaffen und dann Chancen auf einen Arbeitsplatz haben wird. „Ich kam heim und war schockiert und desillusioniert.“ Sein Prädikatsexamen hat der Kommunalpolitiker trotzdem gemacht. Heute trägt er an der Seite von Bürgermeister Jürgen Hoffmann Verantwortung für eine ganze Stadt.

Unter erschwerten Bedingungen erlebte auch Stadtrat Werner Kremeier seine Studentenzeit - wenngleich unter ganz anderen Vorzeichen als die damaligen Jurastudenten. 1985 begann der Kommunalpolitiker an der Uni Frankfurt sein Psychologiestudium. Nach einer Lehre und dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg musste der damals 26-Jährige parallel zum Teilzeitstudium immer arbeiten. „Das war schon belastend. Einmal habe ich zwei Jahre unbezahlten Urlaub genommen, um schneller voranzukommen.“ 1995 machte Kremeier seinen Abschluss.

Sechs Jahre (1972 bis 1978) verbrachte hingegen Jürgen Kaiser an der Uni Frankfurt. Der heutige Stadtverordnetenvorsteher studierte Mathematik und Politik für das Lehramt in Sekundarstufe II. Damals gab es eine Mathelehrer-Schwemme und Kaiser erging es wie den Juristen. Schon in der ersten Vorlesung (lineare Algebra) machte der Prof. unmissverständlich klar: „Auf drei Mathematiker kommen maximal zwei Stellen und ich sorge dafür, dass es passt.“ Der Mann hatte nach Kaisers Empfinden „überhaupt nicht das Ziel, den Leuten etwas beizubringen, sondern aus 250 noch 150 zu machen.“ Schon am ersten Studientag fand der Pädagoge allerdings einen Gleichgesinnten, der ganz auf seiner Linie war: „Wir haben beide gesagt: Der kriegt uns nicht klein. So kam’s dann auch. Wir sind übrigens noch heute Freunde.

Rekordansturm auf Universitäten

Mit einem noch größeren Ansturm als in diesem Jahr rechnen die hessischen Universitäten 2013, wenn wegen „G8“ die doppelten Abiturjahrgänge vom Gymnasium abgehen. Die Goethe-Universität in Frankfurt hat allerdings schon jetzt eine „G8-Taskforce“ eingerichtet, um alle Studierwilligen unterbringen zu können. Die Philipps-Universität in Marburg rechnet für dieses Semester mit etwa 23.000 Studierenden. Die Technische Universität Darmstadt hat mit 20.000 ähnlich viele Bewerber wie 2011. Die Studierendenzahl werde sich aber auf mehr als 25.000 erhöhen, heißt es.

Die Uni Kassel erwartet, dass die Studierendenzahl von 21.500 auf 22.000 steigt. Sie hat ihre Kapazitätsgrenze fast erreicht. Die steigenden Bewerberzahlen will man abfangen, indem Kinos und Kirchen angemietet werden. Für den großen „G8“-Ansturm im Wintersemester 2013/14 wird ein neues Hörsaalzentrum gebaut. Und es werden 60 Lehrer neu eingestellt. Überdies kündigte Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) kürzlich an, für neue Studienplätze an den Hochschulen in diesem Jahr 142,6 Millionen Euro zusätzlich aus dem Hochschulpakt 2020 auszugeben. Mit dem Geld werde nicht nur Personal eingestellt. Es würden Behelfsräume in Containern eingerichtet. Andere Räume würden zu Hörsälen umgewidmet, das computergestützte E-Learning werde ausgebaut.

Schon 2011 hatte es in Hessen einen Höchststand von 40.560 Erstsemestern gegeben, davon 35.270 an staatlichen Hochschulen. „Dass diese Zahl im neuen Wintersemester übertroffen wird, ist sicher“, sagte die Ministerin. Sie nannte Gründe für den Anstieg. Zum einen kämen die Kinder der geburtenstarken 1960er Jahrgänge nun an die Unis. Es gebe die doppelten Abiturjahrgänge (G8/G9), Wehr- und Zivildienst seien weggefallen. Auch sei ein Studium so attraktiv wie nie.

Quelle: op-online.de

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