Das Unterste nach oben gekehrt

Jügesheim ‐ Frischluft fürs Hirn bietet die TGS-Truppe „En Haufe Leut‘“ in ihrem neuen Kabarettprogramm. Zehn Akteure unter Leitung von Lothar Mark kehren das Unterste nach oben, wie wenn man einen Garten umgräbt. Von Ekkehard Wolf

Am Wochenende ernteten sie viele Lacher und verdienten Applaus. Wer für den kommenden Sonntag bereits Karten hat, kann von Glück sagen: Die Veranstaltung ist ausverkauft. Auch wenn öffentlich noch unbekannt ist, wann und wie der scheidende Bürgermeister verabschiedet wird, bei „En Haufe Leut“ bekommt er seinen Abschied, nachdem er den Kabarettisten so viel Stoff geliefert hat.

Als Bürgermeister am Rednerpuilt: Florian Adams.

Florian Adams schlüpft ein letztes Mal in die Rolle „vom Alois“, mit schlotterndem Anzug und dem Kopf knapp über dem Rednerpult. Seine Laudatio hält er selbst – und schuld am Wechsel sind natürlich die anderen. Bei der Kommunalwahl 2011 sei es Zeit zum Comeback: „Ich trete an, dass alles besser wird als in den letzten sechs Jahren.“ Sogar ein bekennender Schwab-Freund lobt ihn in der Pause für seinen fairen Vortrag.

Das ist die große Kunst des Kabaretts Marke „En Haufe Leut‘“: Es bleibt stets mehrheitsfähig. Die einen sehen in manchen Nummern ätzende Kritik – und die Betroffenen können damit leben.

Vermeintlich günstige Schnäppchen

„Früher war sogar die Zukunft besser“, räsoniert Harald Mahr. Mit seinen Kindheits-Erinnerungen spricht er der Generation „50 plus“ aus der Seele. Über die „Generation iPod“ sagt er wenig Schmeichelhaftes: „Ansprüche einbringen, Forderungen stellen, nur die Leistung kommt von den anderen.“

Ein Lied für Missbrauchsopfer: Franziska Langer.

Auch Sebastian Mahr und Katja Schweppe setzen sich kritisch mit Zeiterscheinungen auseinander. Da geht es um Sprachmischungen wie „Denglisch“ und um die Fusionswelle bei Firmen, Feuerwehren und Vereinen: Wann wird es bei der Eintracht und den Kickers so weit sein? Dass vermeintliche Schnäppchen teuer werden können, rechnet Peter Otto am Beispiel der Abwrackprämie vor. Gesundheit, Süchte und den inneren Schweinehund spießt Tanja Rossbach auf.

Franziska Langer als Jüngste im Ensemble arbeitet das Thema Kindermissbrauch auf. Ihr Song „Ich weine nicht mehr, ich sage nein“ erzeugt Gänsehaut, wenn man an die Opfer denkt.

Charmante Werbung für die Tageszeitung (von links): Stefan Schmidt, Tanja Rossbach, Sebastian Mahr in der an Gags reichen Nummer „Wie geil ist das denn?“.

Die flotteste Nummer des Abends kommt von einem jungen Quartett: Sebastian Mahr, Stefan Schmidt, Tanja Rossbach und Katja Schweppe karikieren das „Schneller, höher, weiter“ in Business-Welt und Technik. Wo sich zwei karrieregeile Aufschneider mit ihren Partnerinnen („91-61-91“) und dem neuesten MacBook brüsten, überzeugt eine Café-Besucherin mit dem traditionellen Medium Tageszeitung: ein großes Format, das sich bequem verkleinern lässt, intuitive Bedienung ohne Zusatzgeräte, inhaltliche Vielfalt, und die Inhalte lassen sich durch Ausschneiden bequem archivieren. „Es gibt sogar eine Flat ra te, wir nennen sie Abo.“

In den Rodau-Auen prügeln sich die Jungs

Von den Nöten eines Unterschriftensammlers der CDU berichtet Herbert Sahm. Im Gewand eines römischen Senators zieht Marcel Rupp Parallelen zwischen spätrömischer Dekadenz und aktueller Bundespolitik – Westerwelle lässt grüßen. Rupp, ein Freund klarer Worte, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wer eine Partei mieten will, der geht zur CDU. Wer eine kaufen will, geht zur FDP.“

Da tut es gut, sich einfach mal am Frühling zu erfreuen und im Sonnenschein durch Giesem zu flanieren, wie es Stefan Schmidt im Abschlusslied tut. Aus Georg Kreislers garstigem „Geh mer Tauben vergiften im Park“ macht er ein eher friedvolles „Geh mer bummele bei uns durchs Ort.“ Ganz ungetrübt ist der Friede allerdings nicht: In den Rodau-Auen prügeln sich die Jungs und die Mülltonnen werden nicht geleert.

Quelle: op-online.de

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