Verbeugung vor den Opfern

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Viele Augen und Kamera-Objektive sahen Gunter Demnig zu, als er die Steine vor dem Haus Nieuwpoorter Straße 58 einzementierte.

Dudenhofen (eh) ‐ Großes Interesse an vier kleinen Steinen: Die Zuschauer standen bis auf die Straße, als gestern die ersten „Stolpersteine“ Rodgaus auf dem Gehweg an der Nieuwpoorter Straße einzementiert wurden.

Von einem „wichtigen Tag für die Stadt Rodgau“ sprach der frühere Dudenhöfer Pfarrer Markus Nett: „Die Erinnerung wird in den öffentlichen Raum gerückt.“

Vier quadratische Messingplatten erinnern nun an Amalie Reinhardt, ihren Ehemann Adolf und dessen Schwestern Regine Raphael und Helene Klasen. Die Eheleute Reinhardt wurden am 9. November 1938 aus ihrem Haus verjagt und später im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Dort kam auch Helene Klasen ums Leben. Ihre ältere Schwester hatte sich bereits 1935 das Leben genommen.

Bilder der „Stolperstein“-Verlegung

Großes Interesse an ersten „Stolpersteinen“

Die vier „Stolpersteine“ von Aktionskünstler Gunter Demnig sind der vorläufige Schlusspunkt einer Entwicklung, die 1998 begann. Damals hatte Reinhardt-Enkelin Dr. Zoya Fiedler mit einem Dokumentarfilm verdrängte Erinnerungen geweckt und eine verschüttete Wahrheit ans Licht geholt. Der Film „60 Jahre judenfrei“ im Fernsehprogramm „Arte“ spaltete fast die Gemeinde. Pfarrer Markus Nett brachte damals beide Seiten wieder miteinander ins Gespräch. Er öffnete den Gemeindesaal, begleitete die schmerzhafte Aufarbeitung und setzte ein Zeichen der Versöhnung: Im Namen der evangelischen Kirche bat er die Reinhardt-Nachkommen um Entschuldigung für die barbarischen Untaten, die ihren Vorfahren angetan worden waren.

Interessiert lauschten die Viertklässler den Erklärungen von Dr. Zoya Fiedler. Die Historikerin ist die Enkelin von Adolf und Amalie Reinhardt, die 1938 aus Dudenhofen verjagt und im KZ ermordet wurden.

Gestern sprach Nett von der Verantwortung, die Erinnerung zu pflegen. Zum jüdischen Glauben gehöre der Gedanke, dass der Name jedes Menschen bei Gott aufgeschrieben sei. Durch die „Stolpersteine“ blieben die Namen im Ort präsent. Die Klasse 4 b der Freiherr-vom-Stein-Schule und Oberstufenschüler der Claus-von-Stauffenberg-Schule verfolgten die Zeremonie. „Es ist wichtig, dass die Erinnerung wach gehalten wird“, sagte Dr. Rudolf Ostermann vom Verein für multinationale Verständigung Rodgau mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen. Bürgermeister Jürgen Hoffmann bezeichnete die „Stolpersteine“ als Anlass, „zu mahnen, zu erinnern und zu gedenken“.

In eindringlichen Worten erinnerte Dr. Zoya Fiedler an die Ausgrenzung und Verfolgung, die ihre Großeltern und die beiden Großtanten unter den Nationalsozialisten erdulden mussten: „Stück für Stück wurde ihnen die Ehre, das Eigentum und die deutsche Staatsbürgerschaft genommen - und am Ende das Leben.“ Die Reinhardt-Kinder Gustav und Irene - Zoya Fiedlers Mutter - konnten zwar durch Flucht ihr Leben retten, verloren aber Heimat und Familie. Eine Entwicklung, die sich auch auf die folgende Generation auswirkte, wie Zoya Fiedler im kleinen Kreis erklärte: „Ich bin ein bisschen rast- und wurzellos. Das hat schon mit der Geschichte zu tun.“ Die Historikerin schreibt zurzeit an einem Buch über ihre Familiengeschichte. Wann es erscheint, steht noch nicht fest.

„Ein Mensch ist erst dann tot, wenn die Erinnerung an ihn gestorben ist“

Ohne ein Wort setzte Gunter Demnig während der Ansprachen die vier Gedenksteine mit routinierten Gesten ins Zementbett. Kontrolle mit der Wasserwaage - fertig. Eine Stunde später sprach Demnig in der Stauffenberg-Schule über seine künstlerische Vita und über den Weg, der zu den „Stolpersteinen“ führte. Was es mit dem Stolpern auf sich hat, erklärte er mit den Worten eines Hauptschülers: „Man fällt nicht hin, sondern man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“

„Ein Mensch ist erst dann tot, wenn die Erinnerung an ihn gestorben ist“, zitierte Pfarrer Markus Nett aus dem „Arte“-Film. Als Gemeindepfarrer habe er auf dem Dudenhöfer Friedhof erlebt, wie Erinnerung liebevoll gepflegt wird. Den Nachfahren von Holocaust-Opfern fehle ein solcher Ort des Gedenkens. Nett: „Stolpersteine können ihn nicht ersetzen, aber sie halten die Erinnerung wach.“

Noch eine Funktion haben die Messingplatten im Gehweg: Nett: „Wer die Namen auf den Stolpersteinen lesen will, der muss sich verneigen. Diese Ehre gebührt ihnen.“

Quelle: op-online.de

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