Vertrauen in Kirche schwindet

Rodgau (bp) ‐ Während bundesweit immer mehr Fälle von Misshandlungen und sexuellen Übergriffen gegen Kinder in kirchlichen Einrichtungen und privaten Schulen bekannt werden, spüren Rodgauer Pfarrer ein schwindendes Vertrauen in die Kirche - obwohl es in unserer Region keine Verdachtsfälle gibt.

„Die Glaubwürdigkeit geht verloren“, hört der Jügesheimer Geistliche Wendelin Meissner bedauernd aus Gesprächen mit Gemeindemitgliedern heraus. Das Thema dominiert seinen Alltag als Priester und Religionslehrer zwar nicht. „Aber angesprochen wird man schon.“ Und in den Dienstrunden von Pfarrgemeinderat oder Mitarbeitern werde sowieso darüber diskutiert.

„Das muss auch sein“, wirbt der katholische Pfarrer für eine offene Debatte. „Es wird höchste Zeit, das aufzuarbeiten. Hoffen wir, dass die erzwungene Öffentlichkeit der Sache dient. Wir müssen uns stellen. Ich begrüße das sehr. Mit einer Entschuldigung ist es nicht getan.“

In Gesprächen über die schrecklichen Tatsachen begegnet dem Gottesmann „große Betroffenheit und in Einzelfällen auch eine gewisse Häme“. Manche redeten nun von der „Doppelmoral der Kirche, von der sie schon immer gewusst haben“. Die Kirche dürfe keinen eigenen Rechtsraum für sich beanspruchen. In der Tat seien die Fälle „eine Katastrophe“. Der Seelsorger: „Ausgerechnet jene Institution, die den höchsten moralischen Anspruch an andere anlegt, fällt jetzt umso tiefer runter.“ Meissner fürchtet weit reichende Folgen für das Miteinander von Pfarrern und Gemeinden.

Kirche muss „hinter das Problem schauen“

Sein Nieder-Röder Kollege Dr. Peter Eckstein spricht davon, sogar selbst verunsichert zu sein, was die Umgangsformen mit Gemeindemitgliedern betrifft. „Die herzliche Vertrautheit, an der nun wirklich nichts Doppelbödiges oder Zweifelhaftes ist, ist durch ein Klima der Verunsicherung empfindlich irritiert.“ In der Schule gingen manche Kinder unkompliziert herzlich mit ihm um, berichtet der Priester und fügt an: „Darf ich das jetzt noch? Oder wird gleich etwas hineininterpretiert, was da absolut nicht ist?

Dr. Eckstein sagt, Schüler oder die Pfarrjugend hätten ihn auf die zum Beispiel im Kloster Ettal enthüllten Straftaten noch nicht angesprochen. „Erwachsene haben gleichwohl gefragt, wie es mir bei solch grässlichen Nachrichten geht.“

Der Pfarrer appelliert, dass „diese Verbrechen jetzt in einem heilsamen, schmerzlichen Prozess, der aufrichtig gegangen werden muss, aufgeklärt werden“. Es genüge nicht, zu bestrafen. Vielmehr müsse die Kirche „hinter das Problem schauen“. Gestattet sein müsse zum Beispiel die Frage, „ob wir in der Sexualmoral, bei aller Klarheit dessen, was Jesus dazu gesagt hat, nicht zu rigoros und zu wenig barmherzig sind“.

Dass eine strafrechtliche Aufarbeitung nicht genug ist, meint auch der Weiskircher Geistliche Ulrich Engel. Der studierte Volljurist sagt, dies wäre bloß „eine billige Vertröstung“. Manche Verfehlung sei ohnehin verjährt. Er fordert Sühne und Buße.

Selbst ein Täter ist einer zu viel

Der Pfarrer wehrt sich dagegen, dass die Kirche nun unter Generalverdacht gerate. „Aber selbst ein Täter ist einer zu viel. Da darf es kein Pardon geben. Das hätte unter keinen Umständen passieren dürfen. Zurück bleiben zutiefst verletzte Opfer.“

Engel ist bisher nicht auf das Thema angesprochen worden. „Aber ich selbst spreche die Dinge klar an.“ Der Seelsorger hat für die Verbrechen eine Erklärung. Aufgrund der Erbsünde sei das Triebhafte im Menschen angelegt. „Dort, wo nicht mehr gebeichtet und alle Maßstäbe nicht mehr von Gott, sondern der Welt genommen werden“, sei der Mensch auf sich allein zurück geworfen und könne „diese Kräfte nicht mehr bändigen“.

Die „furchtbare Mentalität“, dass „jeder seine Leidenschaft ausleben kann“, habe teils auch die Kirche erreicht und „verseucht“. Nur „die Gnade Gottes“ könne vor diesen Abgründen bewahren.

Quelle: op-online.de

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