Vier Jahre für Überfall an S-Bahn

Rodgau (gel) - „Bestrafen Sie mich einfach. Mir ist egal, ob die Strafe höher oder niedriger ausfällt.“ Dieser eher ungewöhnlichen Aufforderung aus dem Munde eines Angeklagten leistet Richter Jens Aßling am Darmstädter Landgericht prompt Folge. 

Er verurteilt Daniel R. aus Hainhausen wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung zu vier Jahren und einem Monat Haft. Wegen seiner massiven Drogenabhängigkeit wird nach Paragraf 64 die Hälfte der Zeit in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Wenn der 33-Jährige in Hadamar gut mitarbeitet, wird die zweite Hälfte zur Bewährung ausgesetzt. Aßling spricht Klartext: „Das ist Ihre letzte Chance, noch davon los zukommen, ansonsten bleibt nur noch Gefängnis oder man liest irgendwann von Ihnen als der x-te Drogentote in der Zeitung!“ Diese üble Prophezeiung ist nicht aus der Luft gegriffen, elf Einträge ins Zentralregister sprechen ihre eigene Sprache. Die im Alter von 14 Jahren beginnende Drogenkarriere zieht Beschaffungskriminalität nach sich, die als Diebstähle, Verstöße gegen das Betäubungsmittel- und Waffengesetz, Körperverletzung und Raub vor der Justiz landen.

Sein jüngstes Verbrechen findet am 27. Februar in unmittelbarer Nähe des Hainhäuser S-Bahnhofs statt. Es ist Sonntagsabend und R. hat kein Geld mehr, um sich Stoff zu besorgen. Er hat nur noch Restmengen Alkohol und Drogen im Blut, fürchtet den Entzug. So beschließt er, zur Mutter nach Weiskirchen zu laufen, um sich ein paar Euro zu leihen. Auf dem Weg dorthin überholt ihn der 14-jährige M. W., der nach Hause möchte. R. packt ihn, dreht ihn um und hält ihm ein großes Küchenmesser vors Gesicht. Er will Geld. Der Junge hat keins dabei, gibt ihm aber geistesgegenwärtig sein Handy, lässt ihn die Jackentaschen durchsuchen. R. findet noch ein Taschenmesser und eine Busfahrkarte, die er dem Jungen aber wieder zurück gibt. Dann lässt er ihn laufen und setzt seinen Weg fort. Die von W.´s Vater alarmierte Polizei fasst ihn wenig später am Bahnhof.

Der Täter zeigt Reue und entschuldigt sich

Ausführlich schildert Daniel R. die Stationen seines verpatzten Lebens. Es beginnt mit einer Adoption durch eine Weiskircher Familie. Diese holt das Kleinkind aus einem Frankfurter Heim. In der Pubertät gerät der Realschüler auf die schiefe Bahn. „Mit 15 hatte ich bereits alles durchprobiert“: Haschisch, Alkohol, LSD, Speed, Kokain, Ecstasy, Heroin, später auch Diazepam, Ritalin und das Ersatzmittel Methadon.

Er schmeißt die Schule und lebt fortan wechselnd zwischen Klinik, Entziehungsanstalt, Gefängnis und betreutem Wohnen. Nach erfolgreichen Entgiftungen folgen kurze Phasen des halbwegs normalen Lebens, die regelmäßig im nächsten Absturz enden.

Für seine jüngste Tat hat er sich schriftlich bei W. entschuldigt, wiederholt die Reue ausdrücklich nochmal vor Gericht, als W. in den Zeugenstand gerufen wird.

Die zentrale Frage seiner Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit können auch die beiden Sachverständigen nicht abschließend klären. Zweifel können nicht ausgeräumt werden, deshalb wird R. nach Paragraf 21 als vermindert schuldfähig eingestuft.

Quelle: op-online.de

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