Virtuoser Klangkörper

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Gewohnt sicher spielte der Musikverein als Abschluss der vielen Veranstaltungen zur 100-Jahrfeier im Bürgerhaus ein anspruchsvolles Programm.

Dudenhofen ‐ Rainer Fenchel widerstand der Versuchung, für das Jahreskonzert des Musikvereins im Jubiläumsjahr ein Wunschprogramm zusammenzustellen. Bei „100 Jahre” möchte man schon einen Knaller nach dem anderen los böllern. Von Manfred Meyer

Nein, der künstlerische Leiter nahm ins Fest-Repertoire sogar ein Stück Programmmusik wie „One Day In Town” des 45-jährigen Peter Lawrence auf, das erst im Mai uraufgeführt worden war. Es ist nicht aufpeitschend, schräg und sperrig, aber eine eigenwillige Komposition, auf die man sich einlassen muss.

Nichts, mit dem man ein Auditorium im Sturm erobern kann. Entsprechend agierte der Solist, Hans-Reiner Schmidt an Euphonium und Posaune. Einfühlsam und mit Bedacht stellte er mit Tönen einen Mann - einen Tag - in einer Stadt dar, der da seiner Traumfrau begegnet. hr-Sinfonieorchester-Solist Schmidt blies hochvirtuos - aber im Vordergrund des begleitenden Tuttis so mannschaftsdienlich, als sei er einer aus dem Blasorchester des Musikvereins Dudenhofen.

Das Ganze war das Gegenteil von einer Zirkusnummer. Dabei ist Schmidt ein Spaßmacher. Diesem Naturell konnte er in der zweiten Halbzeit während Arbans „Karneval von Venedig” schon mehr frönen. Da präsentierte er peu à peu, was er auf dem Euphonium lippen- und fingertechnisch drauf hat. Bei der Zugabe, „Lippen schweigen”, zeigte Schmidt dann wieder Herz und Gefühl. Damit unterstrich Rainer Fenchel ein weiteres seiner Programm-Anliegen zum Hundertjährigen: scheinbar Unvereinbares miteinander kombinieren zu können - nämlich Euphonium und Sopran mit Blasorchester beim rührseligen Operetten-Schmankerl „Lippen schweigen”. Alle waren hingerissen - spätestens als Moderator Heinz Karnbach noch das i-Tüpfelchen lieferte und die überraschte Schmidt-Duettpartnerin Carmen Lang packte, um mit ihr ein Tänzchen zu wagen.

Die dritte Intention des Dirigenten: Darstellung von Bandbreite. Da stand Richard Wagners erhabener „Tannhäuser”-Marsch neben Robert Schumanns fragiler „Träumerei” aus den „Kinderszenen”. Dargebracht von teilweise sehr jungen Instrumentalisten innerhalb eines Holzbläserensembles des Vereins. Genau das schaffte auch einen der Höhepunkte des Abends, Bela Kovács „Wochenende auf der Herrengasse”. Das war so süffig interpretiert und kam derart gut an, dass es als Zugabe gleich nochmal gespielt wurde.

Rainer Fenchel wollte mit seinem „Jahrhundertprogramm” noch etwas deutlich machen. Dass sich sein Orchester weiterhin mit Gesamtwerk-Aufführungen profilieren möchte. Nach Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung” war nun Orffs „Carmina Burana” dran. Dabei gab es bis auf ein paar Ton-Ungenauigkeiten beim Bariton-Alleingang des Abts nichts zu beanstanden. Nein, passagenweise war man geneigt auszurufen: besser kann man das nicht machen!

Gemeint ist vor allem das Blech und da besonders die stattliche Trompetenriege bei Parts wie „O Fortuna, velut Luna”, „Tanz - Uf dem anger” oder „Fortuna Imperatrix Mundi”. Das Finale dann: Freddie Mercurys mehrschichtige „Bohemian Rhapsody”. Da hätte man jedem im Publikum gegönnt, mal mitten im Orchester sitzen zu können. Mehr Power und Phonstärke kriegt eine Band auch nicht hin - und die spielt über eine Verstärkeranlage. Das Dudenhöfer Blasorchester nicht.

Quelle: op-online.de

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