Bildung fast rund um die Uhr

Volkshochschule besteht seit 50 Jahren

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Karl Hegner, Horst Gossmann und Helmut Krämer (sitzend, von links) erinnerten im Rathaus an die Anfänge der heute von Jutta Schroth-Resch (Zweite von links) geleiteten Volkshochschule.

Rodgau - Die „geballte Kompetenz der Volkshochschule“ war im Rathaus zu Gast. Nicht nur Bürgermeister Jürgen Hoffmann fand solch lobende Worte für Karl Hegner, Horst Gossmann und Helmut Krämer. Auch Erster Stadtrat Michael Schüßler und Kulturdezernent Winno Sahm würdigten die Verdienste der Gründerväter der VHS. Deren 50. Geburtstag ist in diesen Tagen zu feiern.

Mit dem Spruch „Man lernt nie aus“ warb vor 50 Jahren das erste Programmheft der Volkshochschule Jügesheim (VHS). Menschen aus dem Ort und der Umgebung sollte die Möglichkeit des Weiterlernens eröffnet werden – so die Idee. Geplant waren damals die neun Kurse Steno, Maschineschreiben, Englisch, Kochen, Nähen, praktisches Rechnen, ein Schwimm- und ein Fotokurs sowie Erste Hilfe für Autofahrer. Das Angebot richtete sich ausschließlich an Erwachsene und fand abends statt. Im Programmheft hieß es weiter, die Kursteilnehmer mögen doch bitte die Einrichtungen und die Unterrichtsräume schonen und in den Klassenräumen nicht rauchen. Die Kursgebühr betrug einheitlich 15 Mark und die Kurse waren Dienstag, Mittwoch und Donnerstag.

„Wir wurden belächelt“, erinnerte Horst Gossmann an die Startbedingungen der VHS. Im Januar 1965 hatte er als CDU-Fraktionsvorsitzender maßgeblich am Antrag zur „Gründung einer Volkshochschule in Jügesheim“ gefeilt. „Die Leute waren eher skeptisch. Braucht man das hier überhaupt? Heute können wir froh und stolz sein, es angepackt und nicht nachgegeben zu haben“, zog der 85-Jährige eine positive Bilanz. In der Tat war der Vorstoß, 1965 eine VHS gründen zu wollen, kühn. Denn selbst das dann 1970 erlassene Volkshochschulgesetz verpflichtete erst Städte ab 50.000 Einwohnern dazu, ein solches Bildungsangebot bereitzustellen. Die 1965 noch selbstständige Gemeinde Jügesheim und ihre Antrag stellende CDU-Fraktion waren mit dieser freiwilligen Leistung also Vorreiter, die Pionierarbeit geleistet haben.

Vom Antrag an die Gemeindevertretung bis zum Start der VHS Jügesheim vergingen zwei Jahre. Konrektor Karl Hegner aus Jügesheim übernahm als erster Leiter der Bildungseinrichtung das Ruder. Und das neben seinem eigentlichen Beruf.

Im Rathaus erzählte er – verbunden mit einem ausdrücklichen Dank an seine damaligen Mitstreiter – nun unter anderem vom anfangs schmalen Budget: 11.700 Mark. Fünf Jahre später betrug der Etat 24.000 Mark, zu denen 2000 Mark Zuschuss hinzukamen. Schon wenige Jahre nach dem Stapellauf interessierten sich mehr als 1000 Teilnehmer für 60 Kurse. Die Seimare habe man „immer den Bedürfnissen der Menschen angepasst“, erläuterte Hegner. So seien etwa mit der wachsenden Reiselust natürlich Italienischkurse ins Programm aufgenommen worden. „Da konnten die Leute im Urlaub dann überprüfen, was sie zu Hause gelernt hatten.“ Aber nicht immer ging es bergauf. 1973, zum Beispiel, ließ die Nachfrage im Frühjahr vorübergehend nach. Überdies erinnerte Hegner an „Querschüsse aus Weiskirchen“. Dort sei das Jügesheimer VHS-Programm nur schleppend bis gar nicht weitergegeben und verteilt worden. Auch hätten die Weiskircher eher zur VHS in Obertshausen tendiert, als zur VHS aus dem Nachbarort.

1976 schließlich war die immer größer gewordene VHS nicht mehr nebenamtlich zu führen. Die Arbeit wurde einfach zu viel. Der damals beim Kreis angestellte Diplompädagoge Helmut Krämer aus Offenbach übernahm die Stelle in Vollzeit. Im Rathaus erzählte er von der Zeit, als schließlich immer mehr Frauen das Bildungsangebot wahrnahmen und dass er manchmal auch unerkannt Kurse besuchte, um deren Qualität zu testen. Auch habe die Bevölkerung in seiner Amtszeit immer mehr erkannt, „dass es ohne Weiterbildung nicht geht“. Krämer baute nach der Gebietsreform die Stadtteil übergreifende VHS Rodgau auf und lobte: „Es war mutig und gut, was meine Vorgänger gemacht haben.“ Alle drei Hauptpersonen des Vormittags brachten auf den Punkt, dass Bildung immer etwas mit Gestaltung der Zukunft zu tun habe.

Grillkurs in der Volkshochschule

Heute stehen bei der VHS pro Semester mehr als 200 Kurse auf dem Programm. 91 Kursleiter bieten fast rund um die Uhr und an allen Wochentagen ihre Dienste an, und die VHS kennt keine Altersgrenzen mehr. Babys genießen Massage, Schüler bereiten sich auf ihre Abschlussprüfungen vor, Sport- und Gesundheitsbewusste finden ebenso eine Vielzahl an Kursen wie Menschen, die Sprachen lernen oder sich beruflich weiterbilden wollen. Die Kreativität in Sachen Kunst oder am Kochtopf steht hoch im Kurs. Auch die Exkursionen werden stark nachgefragt. 2016 besuchten 3017 Teilnehmer die Kurse. Die Größte Altersgruppe sind die 50 bis 64-Jährigen. Was aber hat sich – außer der Menge des Angebotes – in den letzten 50 Jahren noch verändert? Ist die VHS noch zeitgemäß oder ist sie ein Relikt aus der Vorzeit? Passt sie in die moderne Bildungslandschaft und bietet sie das, was gefordert wird?

Helmut Krämer erinnert sich: „Der gesellschaftliche Kontext hat sich verändert. Die Akzeptanz. Damals besuchten ausschließlich Frauen Näh- und Kochkurse. Dass sich einmal ein Mann in einen Malkurs verirren könnte, war undenkbar.“ Das sieht heute ganz anders aus. Die „früheren“ Rollenbilder spielen keine Rollen mehr. Männer malen, Frauen geben IT-Kurse – so geht das heute. Und so spiegelt die VHS tatsächlich die Gesellschaft. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig von Bildungsabschluss, Alter oder Geschlecht. Unabhängig auch vom Herkunftsland. Und – da die Seminare verhältnismäßig günstig sind – auch unabhängig vom eigenen Geldbeutel.

Jutta Schroth-Resch, heutige Leiterin, versucht mit den Angeboten am Puls der Zeit zu sein. Ständig auf der Suche nach neuen Dozenten und Themen, stemmt sie gemeinsam mit ihren beiden Mitarbeiterinnen das vielfältige Bildungsangebot. (bp)

Quelle: op-online.de

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