Tipps zu Altersverwirrtheit und Autofahren 

Wenn Einsicht hinterm Steuer fehlt

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Was tun, wenn ein Demenzpatient weiter Auto fahren will? Demenzberaterin Petra Schlitt gab im Rodgauer Rathaus Antworten. 

Jügesheim - Sicherheit, Mobilität, Selbstwertgefühl – nur drei von zahlreichen Wendemarken auf einem schwierigen Parcours: Wie lässt sich zum Besten Aller verhindern, dass ein Mensch mit Demenz noch selbst Auto fährt? Antworten gab es bei einem Fachvortrag im Rathaus.

Petra Schlitt kennt das Problem von beiden Seiten: Als Angehörigen-Coach und Demenzberaterin mit Praxis in Frankfurt hat sie täglich mit den Problemen Anderer zu tun, andererseits den eigenen Vater durch den düsteren Nebel zunehmender geistiger Umnachtung begleitet.
An der Auto-Frage scheiden sich die Geister von Betroffenen und Angehörigen nach ihrer Erfahrung besonders oft und dann meist auch nachhaltig. Weil eben das Auto nicht nur Transportmittel, sondern vor allem Unabhängigkeit und Flexibilität sichert. Weil zunehmende Sturheit bei den meisten Demenzformen zum Krankheitsbild gehört. Und weil andererseits die Verantwortung drückt, wenn ein Angehöriger am Steuer sich selbst und andere gefährdet.

Töchter und Söhne Erkrankter dürfen Schlitt zufolge diesem Problem nicht ausweichen. Wer bei seinen Eltern, den Großeltern oder dem Lebenspartner Anzeichen für schwindende Verkehrstüchtigkeit bemerke, müsse handeln – aber wie?

Zuerst einmal Klarheit schaffen, rät Schlitt, das Gespräch mit dem Betroffen suchen. Fehlt die Einsicht, braucht es nach den Erfahrungen der Beraterin den Konsens im Umfeld – innerhalb der Familie zunächst, idealerweise auch mit Nachbarn, Freunden und Bekannten des Patienten. Ziel: Die Entwicklung beobachten und notfalls eingreifen können – aber nie so, dass sich der Betroffene hintergangen oder schleichend entmündigt fühlen muss. Die Autoschlüssel oder gar das Auto verschwinden zu lassen, schaffe fast immer böses Blut.

Erlaubt sind laut Schlitt dagegen kleine Tricks, zumal in Abstimmung mit Instanzen außerhalb: Der Hausarzt verschreibt Medikamente, die – zumindest vorgeblich – die Fahrtüchtigkeit einschränken. Die Autowerkstatt rät, den Wagen aus technischen Gründen lieber eine Weile stehen zu lassen. Die Versicherung empfiehlt, aus Altersgründen einen Test zu machen oder probeweise eine Fahrstunde zu nehmen. Solche Angebote gebe es durchaus, weiß die Expertin. Und nicht selten reagiere ein Erkrankter auf das Urteil von ihm anerkannter Fachleute einsichtiger als auf das Drängen aus seiner Familie.

Erster Eindruck zählt - Das richtige Pflegeheim finden

Ebenfalls bewährt: Alternativen zur eigenen Mobilität organisieren. Viele Supermärkte böten inzwischen Lieferdienste an. Wen das klassische Essen auf Rädern von einem Pflegedienst zu sehr an die eigene Gebrechlichkeit gemahnt, hat vielleicht Spaß an einem Arrangement mit dem Pizza-Service, der jeden Tag eine andere Mahlzeit liefert. Wer eine Bahncard besitzt, steigt für eine längere Fahrt auch eher mal in den Zug. Taxi-Gutscheine, die nach einer gewissen Zeit verfallen und daher bald benutzt werden sollten, senken Hemmschwellen – sinnvolle Geschenkideen für Weihnachten oder zum Geburtstag.

Nach außen das Gesicht, nach innen Selbstachtung wahren – wenn beides für Demenz-Patienten möglich bleibt, wird nach den Erfahrungen der Beraterin auch das Auto-Problem deutlich leichter lösbar. Helfen könne auch die Gesellschaft – mit Mobilitätsangeboten über Vereine, mit Bürgerbussen wie in Frankfurt oder organisierten Fahrgemeinschaften. Eine Lokale Plattform bietet aus Sicht der städtischen Seniorenberaterin Ann-Kathrin Steinbach, die das Publikum willkommen hieß, das Soziale Netzwerk Rodgau. Erste Aufgabe: Problembewusstsein schaffen.

Markant: Obwohl die Rodgauer Bürgerhilfe einen Fahrdienst zum Vortrag angeboten hatte, lockte das brisante Thema an dem – zugegeben–sehr heißen Sommerabend nur fünf Angehörige ins Rathaus. (zrk)

Quelle: op-online.de

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