Einst ging"s um die Ehre der Nation

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Rennen für Wasserflugzeuge waren in den zwanziger Jahren eine Frage des Nationalstolzes und sind heute ein Ableger der Modellfliegerei.

Nieder-Roden - In den zwanziger Jahren glaubten Europas führende Mächte, dass die Zukunft der Fliegerei auf und über dem Wasser liegt. Große Flughäfen gab es so gut wie nicht, die Propellermaschinen hatten geringe Reichweiten. Von Michael Löw

Doch Inseln, vor denen die Piloten landen konnten, waren über alle Weltmeere verstreut. Das war der historische Hintergrund, vor dem der französische Industrielle Jacques Schneider vor mehr als 90 Jahren erstmals ein Fluzeugrennen überm Mittelmeer organisierte und einen Preis für die schnellste Maschine auslobte. Es wurde ein Wettbewerb, bei der Nationalstolz die Antriebsfeder schlechthin war: Der Konstrukteur des letzten Siegerflugzeugs baute im Zweiten Weltkrieg die britischen Spitfire-Jäger.

Das Schicksal ganzer Länder stand gottlob nicht mehr auf dem Spiel, als der Flug- und Modellbauclub Dietzenbach am Wochenende zum ersten Wasserflugzeug-Rennen an den Rodgauer Badesee geladen hatte. „Irgendwann leckt jeder von uns Blut“, erklärte der Vorsitzende Ralf Kaiser die Faszination für diesen doch recht exotischen Zweig der Modellfliegerei. Luft und Wasser seien dem Landlebewesen Mensch eigentlich fremd, doch gerade deshalb ziehen sie ihn an.

Ralf Kaiser macht den Nachbau einer Macchi M72 am Ufer des FKK-Strandes startklar. Das Original war das schnellste je gebaute Wasserflugzeug.

Ein gewisser Aufwand ist mit diesem Hobby schon verbunden. Als Start- und Landebahn eignen sich nur Seen, in denen nicht gebadet wird und die eine gewisse Größe haben. Kaiser steuerte gestern meist einen Modellflieger mit 1,50 Metern Spannweite: „Den kann man auf einem Teller drehen“, schwärmte er und wollte damit sagen, dass ein 200 Meter langes Gewässer ausreicht. Große Rennmaschinen, die von Flügelspitze zu Flügelspitze fast dreieinhalb Meter messen, brauchen indes einen mindestens ein Kilometer großen See.

Beim Rennen am Wochenende zählte nicht die absolute Höchstgeschwindigkeit. Die Piloten mussten das Tempo maßstabgetreu einhalten. Klingt kompliziert, ist es aber nicht: Die Macchi M72 aus den zwanziger Jahren erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 728 Stundenkilometern und ist bis heute das schnellste je gebaute Wasserflugzeug. Wer eine Macchi M72 als Modell im Maßstab 1:6 steuerte, musste also möglichst nah an ein Sechstel besagter 728 Stundenkilometer herankommen.

Ein Funksystem, das eine unsichtbare Messstrecke auf den guten alten Baggersee legte, kontrollierte die Geschwindigkeit. Ralf Kaiser kam dem Original übrigens mit einer Abweichung von 1,7 Prozent am nächsten. Ein Rettungsboot war sowohl früher bei den Wettflügen vor Saint Tropez als auch jetzt bei Nieder-Roden Pflicht. Doch es musste nur am Samstag einmal raus, als ein Modell umkippte und geborgen wurde. Ein Handtuch reichte, um es wieder startklar zu machen, da ging allenfalls ein bisschen Bastlerstolz baden. Das Rennen der europäischen Konstrukteurs-Elite zahlten hingegen etliche Piloten mit dem Leben.

Quelle: op-online.de

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