Wildtierarche Rodgau hofft auf Genehmigung

Räume für Tiernotfälle stehen leer

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Tierschutz ohne Grenzen: Auch diese winzige Spitzmaus wurde in der Auffangstation der Wildtierarche Rodgau aufgepäppelt. Seit 31. Juli vergangenen Jahres darf die Station keine Wildtiere mehr aufnehmen, weil das Veterinäramt des Kreises die Genehmigung nicht verlängerte. Die Leiterin der Station, Petra Kipper, kümmert sich seit 30 Jahren um kranke, verletzte und elternlose Wildtiere.

Dudenhofen - Was soll aus jungen Wildtieren werden, die von ihren Eltern verlassen wurden? Fast täglich rufen Ratsuchende beim Verein „Wildtierarche Rodgau“ an. Von Ekkehard Wolf 

Doch die Auffangstation des Vereins an der Kronberger Straße darf seit Sommer letzten Jahres keine Tiere mehr aufnehmen. 30 Jahre Erfahrung reichen nicht aus, um die Veterinärbehörde des Kreises Offenbach von der Sachkunde zu überzeugen. Seit Monaten läuft ein gerichtliches Mediationsverfahren – bisher ohne Ergebnis. „Es ist für uns sehr schmerzhaft ansehen zu müssen, dass wir den zahlreichen Tieren, die in Not geraten sind und Hilfe benötigen, nicht helfen dürfen“, schreibt der Verein auf dem Internetportal change.org. Mehr als 84.000 Menschen unterstützen dort die Petition „Wildtierarche Rodgau muss erhalten bleiben“.

Die Petition wendet sich an Landrat Oliver Quilling, die Landestierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin und die hessische Umweltministerin Priska Hinz. Doch 84.000 Unterschriften sind nicht genug, um bei der Ministerin Gehör zu finden. Auf ihre Bitte um einen Gesprächstermin erhielt Petra Kipper jedenfalls eine Absage. Wie gefragt die Arbeit der Wildtierarche ist, zeigen einige Beispiele aus den letzten beiden Wochen. Der krasseste Fall: Polizeibeamte aus Darmstadt fragten eines Abends nach 21 Uhr, wo sie einen Frischling hinbringen könnten. Falls niemand das Jungtier aufnehmen könne, müssten sie es erschießen. Später erfuhr Petra Kipper, das Wildschweinchen sei verendet. Glücklicher ging es für zwei Nilgansküken aus Dietzenbach aus, die ebenfalls von der Polizei gemeldet wurden: Sie fanden bei Privatleuten ein Notquartier.

Zwei Eichhörnchen und ein junger Igel wurden am Dienstag voriger Woche gemeldet. Am nächsten Morgen rief eine Frau mit einem Frischling an. Petra Kipper: „Wieder so ein dehydriertes kleines Kerlchen, das wahrscheinlich nicht überlebt, weil wir es nicht aufnehmen können.“ Die Räume für Tiernotfälle und der Quarantäneraum bleiben leer. Nicht jedes scheinbar hilflose Tierbaby in Wald und Feld sei auf menschliche Hilfe angewiesen, betont der Kreis Offenbach in einer Pressemitteilung: „Im Zweifel sollte man sich besser zurückziehen oder, falls möglich, die Situation über einen längeren Zeitraum aus sicherer Entfernung beobachten.“ Bei kranken oder verletzten Tieren sei jedoch Hilfe notwendig und sinnvoll. Sie sollten umgehend und schonend zum Tierarzt oder zu einer Auffangstation gebracht werden. Adressen nennt der Kreis jedoch erst auf Nachfrage. Die Wildtierarche ist nicht dabei.

Mit der behördlichen Verfügung gegen die Wildtierarche Rodgau gibt es im Kreis Offenbach keine Wildtierstation mehr, die ein breites Spektrum an Tierarten aufnimmt. Kreis-Pressesprecherin Kordula Egenolf nennt auf Anfrage nur noch eine Anlaufstelle im Kreisgebiet: Tanja Schäfer, eine Tierfreundin in Rödermark. Sie darf allerdings nur Singvögel und einige Eichhörnchen aufnehmen. Wer kranke, verletzte oder verlassene Jungtiere auffindet, kann bei den Wildtierfreunden Hanau in sein Glück versuchen. Ähnlich wie bei der Wildtierarche Rodgau handelt es sich um einen Verein, der ehrenamtlich eine Pflegestation betreibt. Dort werden im Lauf eines Jahres bis zu 3000 Tiere abgegeben, in Dudenhofen waren es bisher rund 700.

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Seit 31. Juli darf die Auffangstation in Dudenhofen keine neuen Tiere mehr aufnehmen. Eine Duldung durch das Veterinäramt war zunächst bis Ende Oktober befristet. Während des Mediationsverfahrens dürfen Petra Kipper und ihre Helfer die vorhandenen Tiere weiterhin pflegen. Der Rat der erfahrenen Wildtier-Expertin ist wie eh und je gefragt – bei Bürgern, Behörden und anderen Einrichtungen der Wildtierhilfe. Eine Einigung, ob die Wildtierarche weiter betrieben werden kann, gibt es noch nicht. Das Mediationsverfahren beim Verwaltungsgericht Darmstadt läuft weiter. Im März fand in der Kronberger Straße eine Ortsbegehung mit Behördenvertretern, Juristen und einem Gutachter statt. Auch baurechtliche Hindernisse werden aus dem Weg geräumt: Der Verein „Wildtierarche“ beantragte eine Nutzungsänderung für die Räume, die seit Jahren genutzt werden.

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Ein Knackpunkt des Streits zwischen Kreis und Verein: Das Veterinäramt macht die sogenannte Haltungserlaubnis nach dem Tierschutzgesetz davon abhängig, dass Petra Kipper eine weitere Sachkundeprüfung ablegt. Bereits 2008 hatte sie eine solche Prüfung absolviert. Der hessische Tierschutzbeirat fragt unterdessen das Umweltministerium, ob eine solche Haltungserlaubnis für die vorübergehende Unterbringung von Wildtieren überhaupt notwendig ist. Der Beirat geht noch einen Schritt weiter: Er möchte, dass sich die Landesregierung für bundesweit einheitliche Regeln der Versorgung und Pflege von Wildtieren einsetzt.

Bei der Wildtierarche Rodgau sind die Kosten für Anwalt, Gutachter und dergleichen auf mehr als 18.000 Euro angewachsen. Der Verein ist deshalb verstärkt auf Spenden angewiesen. Petra Kipper: „Wir hätten das Geld lieber in den Tierschutz gesteckt.“

Online-Petition zur Wildtierstation auf change.org

Quelle: op-online.de

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