Die innere Uhr von Haus- und Nutztieren

Wie ticken Kuh und Schwein?

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Der Jügesheimer Milchviehbauer Sebastian Roßkopf muss seine Kühe nicht ans Melken erinnern. Ihre untrügliche innere Uhr zeigt den Tieren an, wann es Zeit ist, sich zum Melkstand zu bewegen. Dort stöpselt Roßkopf sie dann an die Maschine an.

Jügesheim - Wie ticken Nutztiere? Wie sehr beeinträchtigt Kuh, Schwein & Co. der Wechsel von Winter- auf Sommerzeit? Im Stall von Milchviehbauer Sebastian Roßkopf durften wir unsere Fragen stellen. Von Bernhard Pelka 

„Die Kuh ist ein Gewohnheitstier“, sagt Sebastian Roßkopf. Der Mann muss es wissen. Seinen Stall auf dem Karolingerhof füllen etwa 150 Kühe. In ihnen tickt eine innere Uhr. Sobald es Zeit ist zum Melken, bewegen sie sich wie auf ein geheimes Kommando hin unbeirrbar in Richtung Melkstand. Dann wird auch schon mal gedrängelt. „Sie spüren es einfach“, weiß Roßkopf.

Um die Viecher schonend an einen anderen Rhythmus in der Sommerzeit zu gewöhnen, ändern Sebastian Roßkopf und sein Team am Wochenende der Zeitumstellung die Melkzeiten. Sie führen die Tiere in 15-Minuten-Schritten immer ein bisschen früher zum Melkstand – bis die Stunde voll ist. Die Uhr wird am Wochenende um eine Stunde vorgestellt. Die morgendliche Melkzeit der Roßkopf-Kühe verschiebt sich – zumindest auf dem Papier – von täglich 6.15 Uhr Winterzeit auf 7.15 Uhr Sommerzeit. Da Roßkopf aber weiterhin um 6.15 Uhr melken möchte, führt er die Tiere vor der Zeitumstellung in Etappen immer ein bisschen früher an die Melkmaschine heran – bis die Stunde eingeholt ist und das Milchvieh mit dem neuen Rhythmus vertraut ist. Gemolken wird auf dem Karolingerhof im Jügesheimer Feld generell um 6.15 und um 17 Uhr.

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Viele Abläufe im Körper von Mensch und Tier folgen einem tageszeitlichen Rhythmus. Zum Beispiel der Schlaf, die Hormonausschüttung, Gehirnleistung und Stoffwechsel. Warum die Zeitumstellung nicht nur Menschen aus dem Takt bringt, sondern auch Haus- und Nutztiere, ist Gegenstand ernsthafter Forschung. Zum Beispiel an der Uni Kassel. Dort erforschen Prof. Dr. Monika Stengl und ihre Kollegen die Grundlagen von inneren Uhren am Beispiel der Madeira-Schabe und des Tabakschwärmers.

Die Wissenschaftlerin geht laut einer Pressemitteilung der Uni davon aus, dass ein Zusammenspiel aus vielen inneren biologischen Uhren im Organismus lebenswichtige Prozesse steuert – beispielsweise Ess- und Schlafrhythmen. Im Körper finden sich demnach viele kleine innere Uhren – etwa im Gehirn, im Auge, der Leber oder der Niere. Dort laufen Dr. Stengl zufolge bestimmte chemische Prozesse in regelmäßigen Kreisläufen ab. Geraten diese Uhren aus dem Takt, werden Mensch und Tier müde, weniger leistungsfähig oder sogar krank. Die Experten an der Uni Kassel untersuchen am Beispiel der Madeira-Schabe und des Tabakschwärmers, wie die Vernetzung und das Zusammenspiel der vielen inneren Uhren im Insekt durch Neuropeptide gesteuert wird.

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Dr. Stengl: „Ob Schabe oder Mensch – auf der molekularen Ebene unterscheiden sich die Prozesse, die sich in deninneren Uhren im 24 Stunden-Takt abspielen, kaum. Natürlich gibt es kleine Unterschiede – die generelle Logik ist aber die gleiche. Eine zentrale innere Uhr befindet sich im Gehirn der Schabe und besteht aus einzelnen Neuronen, die miteinander über Neuropeptide kommunizieren. Durch diese Kommunikation werden Rhythmen im Verhalten und in der Physiologie der Tiere gesteuert. Die Schabe schläft beispielsweise immer am Tag und wird zu Beginn der Nacht aktiv. Diese Verhaltensrhythmen wiederum werden durch äußere Rhythmen – Zeitgeber – beeinflusst. So ein externer Zeitgeber ist der 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht.“ Die inneren Uhren koppeln sich untereinander und werden durch den Wechsel von Tag und Nacht mit der Umwelt synchronisiert. Lichtimpulse finden also Eingang in innere Uhren und beschleunigen sie oder bremsen sie ab – abhängig von der Tageszeit. Bereits vor 15 Jahren hatte die Biologin Schrittmacherneurone ausfindig gemacht, die im Gehirn der Madeira-Schabe eine zentrale innere Uhr bilden. Diese Uhr-Neurone enthalten das Neuropeptid PDF, das andere biologische Uhren synchronisiert. „Zerstört man dieses Peptid im Körper der Schabe, so wird diese arhythmisch – das heißt, dass sie nicht mehr regelmäßig schläft und isst“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Quelle: op-online.de

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