Pflegemedaille für Wolfgang Walter

„Einer trage des anderen Last“

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Elfriede und Wolfgang Walter sind seit 36 Jahren verheiratet. Elfriede Walter sitzt im Rollstuhl. Vor 27 Jahren stellten Ärzte bei ihr zwei schwere Erkrankungen fest.

Dudenhofen - Wolfgang Walter pflegt seine kranke Frau seit vielen Jahren. Jetzt hat er die hessische Pflegemedaille erhalten. Von Ekkehard Wolf 

Elfriede und Wolfgang Walter führen eine ganz besondere Ehe. Seit 36 Jahren verheiratet, leben sie seit 27 Jahren mit einer schweren Erkrankung. Elfriede Walter leidet an Multipler Sklerose (MS). Die Krankheit bestimmt den Alltag vom Aufstehen bis in die Nacht. Die Lähmung, die Schmerzen und andere Symptome sind weit fortgeschritten. Elfriede Walter verbringt ihre Tage im Rollstuhl - oft liegend, weil sie das Sitzen vor Schmerzen nicht aushält. Kopf und Arme sind auf weiche Kissen gebettet. „Ich liege hier wie ein Pascha“, scherzt die Kranke. Sie lächelt viel während unseres Gesprächs. Dabei ist ihr oft zum Heulen zumute: „Ich könnte jeden Tag verzweifeln, aber ich raffe mich jeden Tag wieder auf.“

Einer trage des anderen Last - unter diesem Bibelwort stand die kirchliche Trauung. „Der Spruch passt wie die Faust aufs Auge“, sagt Elfriede Walter leise und blickt zu ihrem Mann: „Der arme Kerl muss alles mitmachen - aber ich hätte es auch für ihn gemacht, ich hätte ihn auch nicht verlassen.“

„So selten wie ein Sechser im Lotto“

Ein Foto auf dem Wohnzimmerschrank zeigt die beiden als junges Paar: er blond, sie dunkel und beide glücklich. „Das war eine schöne Zeit“, sinniert Elfriede Walter, „das weiß man schon gar nicht mehr, wenn man so lange krank ist.“ Sie war gerade 30 Jahre alt, als die ersten Symptome auftraten. Dinge, die sie in die Hand nahm, glitten ihr unabsichtlich aus den Fingern. Ein Neurologe in Darmstadt stellte bei ihr eine extrem seltene Kombination aus MS und Polyarthritis fest: „So selten wie ein Sechser im Lotto.“ Dieser Spruch war so herzlos, dass die Eheleute noch heute daran denken.

Fünf Jahre nach der Diagnose saß Elfriede Walter im Rollstuhl. Heute ist sie mehr denn je auf Hilfe angewiesen. Die Sozialstation kommt täglich, eine Ergotherapeutin drei Mal pro Woche. Den größten Teil der Pflege teilen sich der Ehemann und die beiden erwachsenen Töchter. Während ihres Studiums in Frankfurt kam eine der Töchter vier Mal pro Woche, um ihre Mutter zu versorgen.

Das ändert sich durch die Pflegereform

Das ändert sich durch die Pflegereform

Wolfgang Walter arbeitete bei der Lufthansa als Kabinenmechaniker in der Flugzeugwartung. Vor zwei Jahren hat er vorzeitig aufgehört. Bereits in den Jahren zuvor hatte er nicht mehr in der Nachtschicht gearbeitet, damit er bei seiner Frau sein konnte.

Vor Kurzem ist das Ehepaar in ein anderes Haus umgezogen, wo sich Wohn- und Schlafräume auf einer Ebene befinden. Eine Rollstuhlrampe verbindet die Wohnung mit dem Garten. Die Unfallgefahr ist geringer, aber immer noch gegenwärtig. Durch einen Ausrutscher beim Zubettgehen brach sich Elfriede Walter im vergangenen Jahr beide Oberschenkel. Die Heilung war langwierig, jede Bemerkung schmerzte. Erst jetzt kann sie es wieder aushalten, wenn die Therapeutin ihre Beine bewegt.

Die Zwillingsschwester von Elfriede Walter leidet ebenfalls an Multipler Sklerose. Bei ihr brach die Krankheit vier Jahre später aus. Beide Ehemänner erhielten jetzt in Wiesbaden die Pflegemedaille des Landes Hessen. Die Ehrung kam für Wolfgang Walter überraschend: „Ich hab’ gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt.“

Quelle: op-online.de

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