Angeklagte haben zeitweise keine Krankenkassenbeiträge gezahlt und Akten zur Seite geschafft

Unrühmliche Firmeninsolvenz: Mit der Zeit alles über den Kopf gewachsen

Rodgau - Nach dem zweiten Prozesstag fällt das Schöffengericht Offenbach die Urteile gegen zwei Angeklagte, denen der Staatsanwalt vorwarf, bei der Insolvenz einer Rodgauer GmbH unrühmlich gewirkt zu haben. Ein 57-Jähriger bekommt 13 Monate Haft auf Bewährung plus Arbeitsstunden, eine 53-Jährige 14 Monate plus Geldstrafe.

Der Staatsanwalt wirft der Angeklagten vor, als Geschäftsführerin einer Rodgauer Leiharbeiterfirma 2012 und 2013 Krankenkassenbeiträge in Höhe von 53.000 Euro nicht an die Versicherungen überwiesen zu haben. Ansonsten habe sie versucht, Außenstände in die Schweiz zu transferieren, um das Geld der Konkursmasse zu entziehen. Die meisten Rechnungsempfänger hatten nicht reagiert. Nur eine Firma wies 12.000 Euro an. Über ihre Anwältin Hanna Steinfeld gibt die Angeklagte zu verstehen, „dass alle Punkt objektiv richtig sind“. Anschließend erzählt die 53-Jährige, wie sie einst in der Firma als Buchhalterin gearbeitet habe. Wegen einer Vorstrafe konnte der Besitzer nicht als Geschäftsführer agieren. Sie habe übernommen und erst spät begriffen, dass der Hauptgesellschafter für private Zwecke in die Firmenkasse griff.

Trotz guter Auftragslage sei die GmbH in Turbulenzen geraten. Sei es, dass Außenstände nicht eingetrieben werden konnten, sei es, dass Angestellte kündigten. Richter Manfred Beck wirft ein, Kunden hätten sich geweigert zu zahlen, weil Leiharbeiter auf Baustellen besoffen erschienen seien. Die Angeklagte relativiert, „ich wusste nur von einem mit Alkoholproblem“. Mit der Zeit sei ihr die Geschichte über den Kopf gewachsen, „ich wollte nur noch alles loswerden“. Sie sei depressiv geworden und habe unterschrieben, was ihr vorgelegt wurde, ohne zu lesen.

Ihr Nachfolger als Geschäftsführer wurde der Angeklagte, verteidigt von Alexander Rumpf. Zu dem Job kam der Angeklagte durch die Bekanntschaft mit einem Finanzdienstleister, der offiziell darauf spezialisiert war, die Firmeninsolvenzen abzuwickeln. Der habe ihn gebeten, die Geschäftsführung der Rodgauer Firma zu übernehmen, „ich ließ mich einlullen, weil er sich nach dem Tod meiner Frau um mich gekümmert hatte“. Der Staatsanwalt wirft dem Angeklagten unter anderem Beiseiteschaffen von Akten vor.

Der Angeklagte stuft ebenfalls die meisten Vorwürfe als objektiv richtig ein, beruft sich jedoch darauf, geistig umnebelt gewesen zu sein. Er habe sich auf das Wort seines Bekannten verlassen, es gehe alles mit rechten Dingen zu, „ich war mindestens naiv, wahrscheinlich aber dumm“. Er habe nicht geahnt, wie miserabel es um die Firma stehe. Er sei aus allen Wolken gefallen, als er von den ungedeckten Sozialkassenbeiträgern hörte, „dann habe ich Insolvenz angemeldet“.

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Richter Beck stimmt das skeptisch. Der eloquente Angeklagte wirkt keineswegs wie ein tumber Strohmann. Dessen Vita zieren ein Diplom in Betriebswirtschaft und ein Sitz im Vorstand einer Volksbank. „Und sie haben sich auch nichts dabei gedacht, dass die Firma von Rodgau nach Schwedt an der Oder verlegt wird?“ „Nein.“ Der Finanzdienstleister habe ihm 1000 Euro plus 25 Prozent aus dem Liquiditätserlös versprochen, „für andere Firmen habe ich die Insolvenz ja problemlos abgewickelt“. Geld habe er allerdings nie gesehen. Vom Vorstrafenregister seines Bekannten „erfuhr ich erst sehr spät“. Der Mann habe ein manipulatives Talent und stets logisch klingende Worte gefunden: „Ich hätte damals unter Betreuung gehört.“

Unter Einbeziehung des Urteils eines anderen Gerichts geben ihm Richter Beck und die Schöffen wegen Beihilfe zum Bankrott und Insolvenzverschleppung 13 Monaten auf Bewährung plus 250 Arbeitsstunden. Die 53-Jährige bekommt wegen Insolvenzverschleppung, Bankrott und Nichtabführen von Beiträgen der Arbeitnehmer zur Sozialversicherung neben den 14 Monate auf Bewährung noch einen Zahlungsbefehl an den Weißen Ring von monatlich 150 Euro über zwei Jahre. (man)

Quelle: op-online.de

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