Ziegenmelker auf dem Rückzug

Rodgau - Rodgau kann sich mit einer Rarität der Vogelwelt schmücken. Von den 30 bis 50 hessischen Brutpaaren des Ziegenmelkers leben vier in Rodgau. Doch leider nimmt die heimische Population ab.

Der Naturschutzbund Nabu fordert Maßnahmen, die den Lebensraum der verbliebenen Tiere sichern. Das Wichtigste: Der Wald muss von Wildwuchs befreit und damit lichter werden.

Es soll sie tatsächlich geben, Vögel, die heimlich nachts Ziegen melken. Zumindest dachten dies die alten Römer, wenn sie während der Dämmerung den gurrenden und schnarrenden Ruf der dämmerungsaktiven Nachtschwalben hörten. Deshalb werden die Tiere auch Ziegenmelker genannt; in Rodgau sind sie heimisch.

Heute ist bekannt, dass sich die Tiere nicht von Ziegenmilch, sondern von Fluginsekten ernähren. Wieviele Exemplare sich in Rodgaus Wäldern heimisch fühlen, wollten 16 Aktive der hiesigen Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu) wissen und starteten eine Kartierungsaktion.

Dabei wurden vier männliche Tiere gezählt, die vier Brutreviere besetzten. Es ist davon auszugehen, dass dort auch gebrütet wurde. Das lässt sich jedoch nicht feststellen, ohne die Tiere entscheidend zu stören. Bei einer Kartierung im Jahr 2008 waren es noch sechs singende Männchen in sechs Revieren. Auf den Unterlagen einer ersten Kartierung zwischen 2001 und 2006 sind acht Reviere aufgelistet. Es kann damals also von acht männlichen Tieren ausgegangen werden.

Als Grund für den Rückgang sieht der Naturschutzbund die zunehmende Verbuschung der offenen Flächen

in den Wäldern. Der Ziegenmelker braucht aber Lichtungen in lichten Wäldern.

Wenn die Tiere in der ersten Maihälfte aus ihren afrikanischen Überwinterungsgebieten zurückkehren, siedeln sie sich zwar von Irland bis zum Baikalsee über nahezu ganz Europa an, suchen sich dabei aber kleine „Inseln“ wie in Heiden und Mooren oder in lichten, sandigen Kiefernwäldern mit großen Freiflächen, wie sie in Rodgau vorhanden sind.

Einfach ist es allerdings nicht, die gut getarnten Vögel zu finden. Um die 26 Zentimeter sind die Tiere lang, die Spannweite beträgt etwa 55 bis 65 Zentimeter. Gut getarnt sitzen sie meist auf dem Waldboden. Üblicherweise sind männliche Exemplare mit Futter oder weiblichen Partnern aus ihrem Versteck zu locken. Beides ist nicht so leicht zu besorgen. Also griffen die Naturschützer doch lieber zu so genannten Klangattrappen und spielten am Rand der infrage kommenden Waldgebiete eine CD mit dem Ruf der Männchen ab. So an der Ehre gepackt, antworteten die hiesigen Exemplare dem vermeintlichen Eindringling.

Der Nabu wusste somit nach seinen 50 Begehungen durch die sieben Teams, wo wie viele Ziegenmelker-Männchen leben. Der Kartierung kam besondere Bedeutung zu, da der Forst Hessen zurzeit einen Maßnahmenplan zur Erhaltung und Verbesserung der Habitats-Strukturen im Wald erarbeitet. Die nächtlichen Exkurse fanden in den für die Vogelart geeigneten Waldgebieten statt.

Die 13 Waldabteilungen, davon elf in der Gemarkung der Stadt Rodgau und zwei in Dietzenbach, wurden vor der Nabu-Kartierung von einer Expertenkommission unter Leitung von Wolfgang Roehser (Hessen-Forst) bei zwei Begehungen als für Ziegenmelker-Habitate bekannte, vermutete oder der Struktur nach geeignete Waldabteilungen ausgewählt. Sie liegen vorwiegend in Nieder-Roden, Dudenhofen und Jügesheim. Bei der Kartierung hielten sich die Naturschützer an die Anweisungen aus dem Werk „Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel Deutschlands“.

Leider war der schnurrende Gesang der Männchen lediglich in den drei Waldabteilungen 142, 180 und 182 zu hören. Auch durch Sichtungen wurde der Nachweis der Anwesenheit der Vögel erbracht. Aufgrund der Erhebung und dem im Vergleich zu der Erhebung aus 2008 abnehmenden Ziegenmelker-Bestand erscheinen kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Wald-Strukturen zunächst in den noch besetzten Abteilungen 142 und 182 (und eventuell in deren unmittelbarem Umfeld) dringend erforderlich, so der Nabu in einer Pressemitteilung. Andernfalls sei ein mittelfristiges Aussterben der Art in Rodgau zu befürchten. Da die Abteilung 180 innerhalb des Erweiterungsbereichs für die Sand- und Kiesabbaufläche der Rodgauer Baustoffwerke liegt, empfiehlt der Nabu, sehr bald durch forstliche Maßnahmen in den unmittelbar angrenzenden Waldabteilungen neue Optimalstrukturen zu schaffen, um dem Ziegenmelker (und anderen Arten) ein rechtzeitiges Ausweichen in diese Räume zu ermöglichen.

Zum Foto: Es zeigt einen asiatischen Ziegenmelker. Trotz großer Bemühungen ist es nicht gelungen, von der seltenen europäischen Art ein adäquates Foto zu bekommen.

Quelle: op-online.de

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