„Wir gehen zur Siska“

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Drei Generationen auf einen Blick: Von Herbert Spahn (70) bis zum Enkel Markus Viel (8) helfen alle mit. Dagmar Viel (vorne) und Ehemann Hans-Jürgen (links hinten) haben den „Engel“ vor zehn Jahren übernommen. Bildmitte: Die Töchter von Dagmar Viel, Miriam Hoffmann (rechts) und Verena Hoffmann. Verena Hoffmann ist gelernte Hotelfachfrau, ihr Lebensgefährte Tim Emig-Kraus (Zweiter von links) ist Koch.

Nieder-Roden - Das älteste Gasthaus Rodgaus wird 300 Jahre alt. Der „Engel“ ist eine Institution. Sein Saal ist Schauplatz vieler Familienfeiern und Vereinsveranstaltungen. Senior-Wirt Herbert Spahn ist ein Nieder-Röder Original. Von Ekkehard Wolf

Sein kräftiges Lachen gehört im „Engel“ einfach dazu. Nanu, schon wieder ein Jubiläum? Erst vor 22 Jahren feierte das Gasthaus seinen 250. Geburtstag. Doch nun ist eine noch ältere Urkunde aufgetaucht. Sie stammt vom 18. Juli 1713, ist also 300 Jahre alt. Damals verlieh der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Lothar Franz von Schönborn dem Nieder-Röder Zentgrafen Johann Henrich Reichenbach die Erlaubnis zum Betrieb eines Gasthauses „Zum Engel“.

Das Lokal ist seit 300 Jahren im Familienbesitz. 200 Jahre lang hießen alle Wirte Reichenbach, bis Johann Spahn II. in die Familie einheiratete. Dessen Tochter Franziska war die legendäre „Siska“, an die sich ältere Nieder-Röder noch gern erinnern. Auch nach ihrem Tod 1978 sagten Stammgäste: „Wir gehen zur Siska“, wenn sie im „Engel“ einen Schoppen trinken wollten.

Herbert Spahn, der am Mittwoch seinen 70. Geburtstag feierte, arbeitete schon als Kind im Gasthaus mit. „Mein Vater war im Krieg gestorben, ich war der einzige Mann im Haus“ erzählt er. Mit 14 habe er den Betrieb praktisch übernommen, „da war ich gerade aus der Schule“. Er absolvierte eine Metzgerlehre, entschied sich dann aber endgültig für die Gastronomie. Bereut hat er diesen Schritt nie.

Treffen ohne Komasaufen

„30 Jahre lang waren wir der Jugendtreff, von Obertshausen bis Ober-Roden kam die ganze Jugend hierher“, erzählt Herbert Spahn. Er setzt hinzu: „Damals gab es kein Komasaufen.“ Auch die Moped-Rocker der 60-er Jahre hatte der Wirt im Griff: „Die habe ich gelenkt, ohne dass sie es gemerkt haben.“ Schlägereien oder Schlimmeres habe es nie gegeben.

Das Gasthaus „Zum Engel“ in den 1930-er Jahren. Damals kam das Bier noch von Henninger aus Sachsenhausen.

Diese wilden Zeiten sind lange vorbei. Der „Engel“ ist für seine Stammgäste nach wie vor ein Treffpunkt mit familiärer Atmosphäre. Auch etliche Vereine haben das Gasthaus zu ihrem Vereinslokal erwählt. Der Sonntagverein und die Laienspielgruppe proben im Saal, der VdK hat dort seine Veranstaltungen, die Rodgauer Segler treffen sich im „Engel“ zum Stammtisch. Der 1. Judoclub wurde sogar dort gegründet. Das Traditionsgasthaus ist durchgehend geöffnet: „von 10 Uhr morgens bis der letzte Gast das Haus verlässt“, sagt Herbert Spahn. Und wenn der Saal samstags für eine Familienfeier gebucht wird, fällt halt mal der Ruhetag aus. Das ist nur möglich, weil die ganze Familie mithilft. Beim 70. Geburtstag von Herbert Spahn am Mittwoch trug der achtjährige Enkel Markus stolz das Dessert auf. Sein Opa lacht: „In dem Alter habe ich auch angefangen.“

Im Lauf der Jahrzehnte hat Herbert Spahn ein riesiges Wissen angesammelt, wie der historisch interessierte Hans-Dieter Jost würdigt: „Er ist ein wandelndes Lexikon, was die Nieder-Röder Familiengeschichte betrifft. Wenn er zu erzählen anfängt, kommen selbst alte Nieder-Röder ins Staunen.“

Quelle: op-online.de

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