Strafe für Kosmetikerin

Bewährung im Prozess um aufgespritzte Lippen

Rodgau - Um aufgespritzte Lippen ging es vor dem Schöffengericht in Offenbach. Eine Rodgauer Kosmetikerin hatte wiederholt eine Substanz injiziert, ohne dafür ausgebildet zu sein.

Die Staatsanwältin wirft ihr vor, zwischen März und Oktober 2016 Kundinnen in 21 Fällen „körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben“. Außerdem habe sie gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen. Das Urteil von Richter Manfred Beck und den Schöffen: zwölf Monate auf Bewährung. Rechtsanwalt Mario Galvano hatte dem Gericht offensichtlich signalisiert, seine Mandantin werde gestehen. Zeugen bräuchten keine zu erscheinen. Ein Name steht dennoch im Aushang. Die aus Osteuropa stammende Angeklagte braucht keinen Dolmetscher, obwohl sie erst seit zweieinhalb Jahren in Deutschland lebt. Sie habe keine Ahnung gehabt, gegen ein Heilpraktikergesetz zu verstoßen. In ihrer Heimat habe sie eine vierjährige Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert, dann drei Jahre in dem Beruf gearbeitet. Dort sei es ihr erlaubt gewesen, die Spritzen zu setzen.

Nun kam die Geschichte aber nicht deshalb ans Licht, weil die Frauen nach der Behandlung mit ihrem Spiegelbild top zufrieden waren. Die 28-Jährige spritzte Hyaluronsäure, vor allen in die Lippen. Mit dem körpereigenen Stoff lassen sich in Relation zur Masse große Mengen Wasser binden. Die meisten Kundinnen behielten aber ihre vermeintlich zu schmalen Lippen. Die Angeklagte betont, viele hätten ihr Angebot angenommen, ohne Aufpreis weitere Spritzen zu setzen.

Richter Beck bittet die Zeugin herein. Auch sie sei mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen. Ihre Lippen hätten sich nur partiell verdickt. Die 26-Jährige erzählt, bei ihrem ersten Besuch, als es um normale Kosmetik ging, habe ihr die Angeklagte gesagt, sie dürfe nicht spritzen, weil ein bestimmtes Zertifikat noch fehle. Nach einem halben Jahr habe sie erklärt, mittlerweile hätte sie die Zusatzausbildung abgeschlossen.

Als es nach dem ersten Spritzen nicht gut lief, habe sich die Angeklagte beim zweiten Mal genervt gezeigt, sich etwa geweigert, ihr vor dem Einstich eine Betäubungssalbe einzureiben. Auch habe sie, entgegen der Absprache, Geld verlangt. Wie das Erscheinungsbild der Zeugin verrät, klappte es mittlerweile woanders mit den Lippen, „teurer war es dort nicht“. Die Angeklagte tappt im Dunkeln, warum ihre Therapie meist nichts brachte, „erklären kann ich mir das nicht“.

Wussten Sie’s? Diese Hausmittel sorgen für schöne Haut

„Trotz des Wissens, dass es nichts bringt, machten Sie weiter“, wirft ihr die Staatsanwältin im Plädoyer vor. Es handele sich um gefährliche Körperverletzung mit der Spritze als Waffe, weil die Kundinnen ihre Einwilligung unter falscher Voraussetzung gaben. Die Staatsanwältin fordert zwei Jahre Haft auf Bewährung für die bis dato unbescholtene Frau, plus 1000 Euro Geldstrafe.

Dem widerspricht Verteidiger Galvano. Sicher käme seine Mandantin nicht um eine Freiheitsstrafe herum. Es sei aber ein gewaltiger Unterschied, ob jemand mit dem Knüppel eine übergezogen bekomme oder freiwillig bei einer Frau wie seiner Mandantin erscheine. Galvano hält die Forderung der Anklage für überzogen, „zwei Jahre Haft sind schließlich das Maximum, was noch zur Bewährung ausgesprochen werden kann“. Der Verteidiger stellt eine kürzere Haftstrafe ins Ermessen des Gerichts, „natürlich ebenfalls auf Bewährung“.

Bilder

Richter Beck und die Schöffen sehen das ähnlich. Es handele sich in der Tat um eine Abweichung vom Standard der gefährlichen Körperverletzung, „ein minder schwerer Fall“. Die Angeklagte habe es billigend in Kauf genommen, keine Genehmigung zu haben. Das Urteil: zwölf Monate Haft auf Bewährung. 1000 Euro gehen ans Theresien-Kinder- und Jugendhilfezentrum in Offenbach. Alle Parteien nehmen das Urteil an. (man)

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion