Ärger an der Laub-Front in Rödermark

Stadt soll für Mehraufwand zahlen

Die Äste der Platanen überragen die Grundstücksgrenze.
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Die Äste der Platanen überragen die Grundstücksgrenze.

Laub-Ärger im Wohngebiet Breidert: Eine Anwohnerin will der Stadt ihre Arbeitsstunden in Rechnung stellen, die in ihrem Garten beim Zusammenrechen des Laubs der Straßenbäume anfallen. Dazu noch die Dachrinnenreinigung (übers Gerüst) an ihrem Haus . Macht knapp 10 000 Euro.

Ober-Roden – Gerlinde Kunkel liebt ihren Garten rund um ihr Haus Am Wiesengrund 15. Seit Jahrzehnten hegt und pflegt sie die 850 Quadratmeter. Fast ebenso lange beseitigt die heute 72-Jährige das Laub von vier etwa 15 Meter hohen Straßenbäumen, die an ihrer Grundstücksmauer auf einem städtischem Grünstreifen entlang dem Breidertring stehen – nur drei bis vier Meter entfernt vom 1972 gebauten Haus. Die Frau hat also durchaus das, was man Sinn für die Natur und „einen grünen Daumen“ nennt. Die Sache mit dem Laub stinkt ihr jetzt aber gewaltig.

„Ich schaffe das körperlich nicht mehr. Die Stadt kann mir das Laub der drei Platanen und des Ahornbaums jetzt nicht mehr länger zumuten.“

Die Lage an der Laub-Front war nicht immer so schlimm wie heute. 1980 gepflanzt, wuchsen die Bäume – und damit der Ärger – anfangs nur langsam. „Außerdem hat sich die Stadt damals noch an die mündliche Zusage gehalten, die Bäume jedes Jahr zurückzuschneiden. Und zwar möglichst früh, sodass die Blätter noch dran hängen“, erzählt die ehemalige Bankkaufrau.

1995 aber änderten sich die Verhältnisse: Die Bäume wurden dann „meistens nur noch alle drei Jahre gestutzt“. Damit wuchs für Gerlinde Kunkel der Pflegeaufwand. Immer mehr Äste überragten ihre Grundstücksbegrenzung. Immer mehr Laub fiel auf Rasen, Terrasse, Balkone und Treppenaufgang. Zu Schaffen macht der Rentnerin auch der tausendfache Samen des Ahorn. Die klebrigen Nasen lassen sich aus dem Rasen kaum entfernen. Besonders fies: Sie stecken ausgerechnet auch in den offenen Fugen des gefliesten Treppenaufgangs und zwischen den gut 200 Quadratmetern Platten am Haus.

„Ich krabbele hier ab August jeden Tag zwischen den Hecken und auf den Platten herum, um’s ein bisschen schön zu haben. Das packe ich nicht mehr“, fordert die gebürtige Ober-Röderin von der Stadt eine Rückkehr zu den alten Baumschnitt-Intervallen. Auch überlegt die Frau, Kosten geltend zu machen für ihren Pflegeaufwand, der weit über das ortsübliche Maß hinausgehe.

In einem Brief an Bürgermeister Jörg Rotter listet sie ihren Mehraufwand auf, zitiert Gerichtsurteile und macht einen nachbarrechtlichen Ausgleichsanspruch gelten, die sogenannte Laub-Rente. Insgesamt kommt Gerlinde Kunkel auf 255 Stunden Mehraufwand. Der setze sich zusammen aus: Laubbeseitigung und -abtransport von Ende August bis Mitte Dezember täglich eine Stunde = 105 Stunden; Entfernen der Ahornsamen nach jedem Wind = 20 Tage à sieben Stunden = 140 Stunden; Entfernen der Erde und des Laubs an der Rückseite der Grundstücksmauer auf dem städtischen Grundstück = zehn Stunden: macht bei 30 Euro die Stunde 7 650 Euro. Hinzu kämen 2 000 Euro für die jährliche Dachrinnenreinigung übers Gerüst. Sie könne eine Musterklage in Erwägung ziehen, lässt die Anwohnerin wissen. Sie sei es leid, bei der Stadt „immer wieder bitten und betteln zu müssen – bloß damit die Bäume geschnitten werden“.

Die Stadt argumentiert in einer Stellungnahme, sie habe „in dieser leidigen Angelegenheit alles getan, um die Situation zu befrieden“. Mit Gerlinde Kunkel gebe es „einen regen E-Mail-Verkehr“.

Im September dieses Jahres seien die drei Platanen auf dem Grünstreifen hinter dem Garten Kunkel deutlich zurückgeschnitten worden. „Dies tut die Stadt circa alle zwei Jahre.“ Der in Rede stehende vierte Baum, ein Ahorn am Breidertring, sei etwas weiter vom Garten entfernt. „Er ist einer von über 250 Straßenbäumen im Breidert. Die dadurch entstehende Belastung ist verhältnismäßig und zumutbar.“

Die Rechtsprechung bezüglich Zumutbarkeit von Beeinträchtigung durch Bäume tendiere aktuell „vermehrt zum Wohl des Baumes bzw. der Natur, des Klimaschutzes und damit letztlich der Allgemeinheit“. Grenzabstände von Bäumen zu Privatgrundstücken regele das Hessische Nachbarrecht. Demnach seien zwischen Privatgrundstücken bestimmte Grenzabstände einzuhalten. „Dies gilt jedoch nicht für Anpflanzungen an öffentlichen Straßen (§ 40 (2,3.) Auch die Hessische Bauordnung macht hier keine Vorgaben. Übliche Abstände werden darüber hinaus eingehalten.“  

Von Bernhard Pelka

Die Platanen (vorn) am Haus (im Hintergrund) von Gerlinde Kunkel sind inzwischen zwar kahl. Auch viele Blätter des Ahornbaums (nicht im Bild) liegen aber immer noch auf dem Gehweg. So sieht es zeitweise auch im Garten Kunkel aus.
Fies: Ausgerechnet in den Fugen steckt Ahornsamen.

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