Außerhalb der Boom-Region

Ärztin eröffnet Praxis in Urberach: „Es ist nicht leicht“ 

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Ende letzten Jahres hatte Anita Klar ihre Praxis in Urberach eröffnet.

Urberach - Hausärzte sind nicht nur auf dem Land schwer zu finden, sondern auch in Regionen mit wenig Privatpatienten. Die Kassenärztliche Vereinigung hilft Medizinern dabei, sich dort niederzulassen. Hier ein Beispiel aus Urberach.

Internistin Anita Klar hat den Schritt von der Großstadt aufs Land gewagt. Die Frankfurterin ist seit rund drei Monaten niedergelassene Hausärztin in Urberach, dem zweitgrößten von fünf Stadtteilen der Kommune Rödermark. "Ich bekomme so viel Dankbarkeit von den Patienten, dass wieder jemand da ist, den sie fußläufig erreichen können", berichtet die 38-Jährige. Zwei Jahre habe es in dem Stadtteil keinen Allgemeinmediziner gegeben. Dabei ist er nur rund 20 Kilometer von Frankfurt entfernt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) habe ihren Schritt mit 60.000 Euro Ansiedlungsförderung unterstützt. Trotzdem sagt Klar: "Es ist nicht leicht." Denn: "Ich bin Ärztin, Business-Woman und Arzthelferin in einem."

Hessenweit fehlen rund 150 Hausärzte, wie KV-Sprecherin Petra Bendrich in Frankfurt sagt. Betroffen seien nicht nur abgelegenere ländliche Regionen, sondern auch Gegenden, "wo es weniger Privatpatienten gibt". Am schlimmsten sei es in der Region Dieburg/Groß-Umstadt. Andere Sorgenkinder seien Rüsselsheim und Umgebung und eben das Gebiet Heusenstamm, Dietzenbach, Obertshausen, Rodgau und Rödermark. In dieser Gemeinde hat Klar bei null anfangen. Sie konnte weder eine gut organisierte Praxis noch Patienten übernehmen, musste alle Daten - wie Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien - erst erfragen.
Arzthelferinnen zu finden, war auch schwer: "Auf meine Annonce hat niemand geantwortet." Inzwischen habe sie zwei engagierte Mitarbeiterinnen. Die beiden Frauen wurden nach ihren Berufspausen jedoch mit zahlreichen Veränderungen etwa im Abrechnungssystem konfrontiert. "Allein um ein Krankengymnastik-Rezept auszustellen, braucht man ein Handbuch", sagt Klar. Als hilfreich für den Start empfindet sie, dass die KV ihr neben der Ansiedlungsförderung auch für zwei Quartale eine Honorarumsatzgarantie gibt.

Die ebenfalls vom Ärztemangel betroffenen Kreise Fulda und Vogelsberg locken Mediziner mit Steuergeld. Seit Herbst 2016 vergibt der Vogelsbergkreis Stipendien an Studenten: Vom fünften Semester bis zum Ende des Medizinstudiums bekommen sie jeweils 400 Euro im Monat. Im Gegenzug verpflichten sie sich, ihre Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner im Kreis zu absolvieren und sich dort mindestens drei Jahre niederzulassen. Auch wenn das für den Einzelfall attraktiv sei, löse dies die Probleme für Hessen nicht, sagt KV-Sprecherin Bendrich. Sie fürchtet vielmehr, dass diese Anreize, die nicht jeder Kreis zahlen könne, auf Dauer die Preise erhöhen.

"Die Vergabe von Stipendien ist eine legitime Möglichkeit, Ärztenachwuchs auf die Region aufmerksam zu machen", sagt dagegen Sabine Galle-Schäfer von der Kreisverwaltung in Lauterbach. Die Versorgungssituation sei im Kreisdurchschnitt "noch gut", in der Fläche aber schon jetzt "ungleichmäßig". "Vor dem Hintergrund der Altersstruktur der Hausärzte sind allerdings in naher Zukunft Schwierigkeiten in der Nachbesetzung zu erwarten, so dass das hausärztliche Versorgungsniveau ohne Intervention nicht zu halten sein wird." Drei Stipendien habe der Kreis mittlerweile vergeben. Bis 2019 werden pro Jahr 20.000 Euro für Stipendien bereitgestellt.

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Klar sagt, die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen, sich in Rödermark niederzulassen. "Ich bin eher ein Stadt- als ein Landmensch." Aber nach zehn Jahren im Krankenhaus habe es ihr gefehlt, keine richtigen Beziehungen zu Patienten aufbauen zu können. Daher wechselte sie zunächst als angestellte Ärztin in eine Praxis in die Frankfurter City. Die Lage der Praxis gefiel ihr sehr, aber es kamen zu wenig Patienten. Viel Konkurrenz und kaum bezahlbare Parkplätze in Praxisnähe, nennt sie als Gründe. Die KV habe ihr dann bei einer Beratung "den Versorgungsauftrag schmackhaft gemacht". Die finanzielle Unterstützung habe ihr den Schritt leichter gemacht. Etwas mehr praktische Tipps zur Praxisorganisation und den Abrechnungen würde sie sich von ihrer Berufsvertretung allerdings schon wünschen. Denn als Anfänger brauche ein Arzt, der sich vor allem medizinisch fortbilden wolle, mehr als finanzielle Unterstützung.

Die 38-Jährige hatte aber auch Glück: Ihre Schwester ist Kinderärztin in Rödermark - die einzige, wie Klar sagt. Im Untergeschoss des Hauses konnte Internistin Klar mit ihrer Hausarztpraxis einziehen. Inzwischen hat sie schon rund 600 Patienten, auch dank ihrer Schwester: Die Eltern der kleinen Patienten und Jugendliche. Die beiden anderen Hausärzte in Rödermark machten auch Werbung für sie. Sie könnten selbst keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Und sie überweisen ihre Patienten für bestimmte Untersuchungen wie Ultraschall, EKG und Langzeitblutdruck an Klars Praxis. (dpa)

Quelle: op-online.de

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