Akkordarbeit mit Kettensäge

+
Der Bart muss ab: „Waldbart“ heißt der zerfranste Rest am unteren Ende eines gefällten Baumstamms, den Forstwirt Josef Kotwica begradigt. Die Kunden von Hessenforst verlangen einwandfreies Holz für ihr Geld.

Rödermark - Wenn Josef Kotwica einen Baum anspricht, schlägt dessen letztes Stündlein. Die Ansprache ist für den 38-jährigen Forstwirt aus Polen nämlich ein finales genaues Abchecken. Von Michael Löw

Wohin fällt der Baum? Und vor allem: Steht kein anderer Baum im Weg? Das dauert nur Sekunden, dann wirft Kotwica die Motorsäge an.

Josef Kotwica und sein Kollege Andreas Szczech (35) ernten seit Wochen im Stadtwald Holz . „Die beiden sind eine eingespielte Rotte“, sagt Revierförsterin Gabriele Rutschmann-Becker und meint damit keineswegs, dass sie wie die Wildschweine durchs Unterholz toben. Rotte, Ansprache, Hiebordnung und Waldbart sind nur vier von vielen nostalgisch anmutenden Begriffen aus der Forstwirtschaft, die längst ein modernes und seit einigen Jahren wieder ein profitables Geschäft ist.

Das freut öffentliche wie private Waldbesitzer. Hessenforst machte 2010 zum Beispiel knapp 22 Millionen Euro Gewinn. Der Holzpreis hat nach einem langen Tief wieder das Niveau von 1990 erreicht. Am 29. Februar hatten die Orkane Vivian und Wiebke ganze Wälder umgeworfen und den Markt mit Holz aller Qualitätsstufen überschwemmt.

Preis für Kiefern ist um 20 Prozent gestiegen

Josef Kotwica spricht die Kiefer, die Försterin Gabriele Rutschmann-Becker markiert hat, an - und geprüft, wohin sie fällt.

„Wir schöpfen die Preise aus“, sagt Försterin Rutschmann-Becker jetzt zufrieden, ohne in von vielen Faktoren abhängigen Details von Euro und Cent zu gehen. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Preis für Kiefern um 20 Prozent. Vor fünf Jahren hingegen kostete das Aufarbeiten eines Stammes mehr als das Holz wert war.

Ein paar Minuten nach Kotwicas Ansprache liegt die kapitale Kiefer genau da, wo er sie haben wollte: zwischen halbwüchsigen Buchen. Die haben nicht eine Schramme in der Rinde, denn das hätte sie auf Jahrzehnte hinaus wertlos gemacht.

Das Holz von Kotwicas Kiefer ist Kategorie C, jedenfalls die ersten neun Meter. Die verkauft Hessenforst als Bauholz, für Türzargen und Fensterrahmen. Die nächsten sechs Meter - Kategorie CGW der Vollständigkeit halber - werden zu Paletten verarbeitet, dann schneidet Andreas Szczech noch zweimal vier Meter ab. Die wandern in die Papierfabrk.

Kotwica und Szczech schlagen genau so viel Bäume wie Hessenforst schon mit Verträgen verkauft hat. „Holz ist ein verderbliches Produkt“, liefert die Försterin eine überraschende Begründung. Verarbeitet hält es Jahrzehnte. Liegt es dagegen im Wald, setzen ihm nach spätestens einem halben Jahr Borken- und andere Käfer zu.

Auch Holz ist Modeerscheinungen unterworfen

Kiefernholz ist eine feste Größe im Wirtschaftsplan des Forstamtes Langen, das für den Rödermärker Wald zuständig ist. Trotzdem hält Försterin Rutschmann-Becker nicht sonderlich viel von einem Vorschlag des Präsidenten der deutschen Waldbesitzer, Philipp zu Guttenberg. Der gibt bei Neuanpflanzungen Nadelholz den Vorzug vor Laubholz, weil die Industrie zu 90 Prozent darauf ausgerichtet sei. „Das ist kurz gedacht“, hält Gabriele Rutschmann-Becker dagegen. Eine Kiefer könne nur da gepflanzt werden, wo sie ordentlich wächst.

Außerdem ist auch Holz Modeerscheinungen unterworfen. „Vor fünf Jahren wurde Erle bezahlt wie verrückt, jetzt will jeder Eiche“, hat Josef Kotwica festgestellt.

Für ihn und Andreas Szczech haben gestern die Weihnachtsferien begonnen. Ihr Heimweg ist recht weit: 1 200 Kilometer müssen sie fahren, bis sie im Südosten Polens, nicht weit von der Grenze zu Ukraine, sind.

Quelle: op-online.de

Kommentare