Folterkammer für Kunstköpfe

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Die Spezialhelme aus Urberach werden unter anderem auf Fliegerhorsten der Bundeswehr getragen.

Urberach - Das Doppeltriebwerk des „Eurofighter“ heult schon im Leerlauf ohrenbetäubend. Doch wenn der Kampfjet der Bundeswehr startet, steigert sich der Lärm ins Infernalische. Rund 148 dB(A) dröhnen kurzfristig auf die Soldaten ein, die die Piste freigeben. Von Michael Löw

Thorsten Neuhaus produziert diesen Megakrach alle paar Tage in Urberach, und kaum ein Mensch merkt etwas davon. Im Akustiklabor der Firma CeoTronics kann der Ingenieur den „Eurofighter“ in den Einsatz schicken - unter anderem. Er lässt aber auch Versorgungshubschrauber auf Nordsee-Bohrinseln landen, Sondereinsatzkommandos mit großkalibrigen Waffen schießen und Schalke-Fans die Siege ihrer Mannschaft bejubeln. Ein paar Regler bis zum Anschlag in Sekundenschnelle nach oben schieben, und schon hat Neuhaus jedes Geräusch, das ein Trommelfell zum Platzen bringen kann.

Im Akustiklabor werden diesem Höllenlärm natürlich keine Menschen, sondern nur ein technisch hochgerüsteter Kunstkopf ausgesetzt. Denn auf ihm testet CeoTronics seine Produkte wie Schallschutzhelme und Headsets, die auch unter solchen Bedingungen eine einwandfreie Kommunikation ermöglichen.

Helme, die 42 der rund 148 dB(A) wegfiltern

Die Luftwaffensoldaten tragen zum Beispiel Helme, die 42 der rund 148 dB(A) wegfiltern, erläutert CeoTronics-Vorstandsvorsitzender Thomas Günther. Der Rest liegt zwar noch weit über den 85 dB(A), die Mediziner als Dauergrenzwert über einen ganzen Arbeitstag verteilt für tolerabel erachten. Aber in der Fankurve auf Schalke werden bei jedem Tor 115 dB(A) gemessen. Dort geht man bekanntlich freiwillig hin und trägt auf dem Kopf nur eine blau-weiße Mütze.

Thorsten Neuhaus’ Arbeitsplatz ist mit Hightech-Krachmachern und ihren „Opfern“ nur so vollgestopft. Der 3 600-Watt-Subwoofer, der die Bässe nur so wummern lässt, wiegt 110 Kilo und hat das Format einer Kommode. Ihm quasi gegenüber steht der gut 100.000 Euro teure Kunstkopf, mit dem CeoTronics psychoakustische Eigenschaften wie die Schall-Leitfähigkeit der Knochen simuliert. „Das ist der Bass der Disco, den man im Bauch spürt“, übersetzt Neuhaus.

Im Akustiklabor getestet

Lärm vom Ohr wegzuhalten ist ein Teil des CeoTronics-Geschäftes, das Neuhaus im Akustiklabor testet. Seine Kollegen und er prüfen aber auch, wie sich Arbeiter in einer lauten Werkshalle trotz Gehörschützer ungehindert verständigen können. Headsets rechnen unerwünschte Störgeräusche von außen raus, lassen aber das Geräusch des nahenden Gabelstaplers oder den Warnton einer Fertigungsanlage ans Ohr dringen. Ist’s wie auf dem Rollfeld extrem laut, reden die Luftwaffenleute nicht mehr über ein Mikrophon vorm Mund miteinander, sondern über eines, das die Tonschwingungen der Schädeldecke weitergibt.

Das Akustiklabor hat das börsennotierte Urberacher Familienunternehmen einen satten sechsstelligen Betrag gekostet. Zu den 100.000 Euro für den Kunstkopf kommen nach Auskunft von Thomas Günther unter anderem 110.000 Euro für eine so genannte GTEM-Zelle, die künstliche Störstrahlen erzeugt, oder 140.000 Euro für einen Hochleistungsverstärker. Günther: „Das spart uns teure Außentermine bei Kunden. Wir können ja nicht eben mal schnell auf eine Luftwaffenbasis fahren und ein paar Messwerte an unseren Helmen testen.“

Übrigens: Die Wände, nicht aber die Decke des Labors sind schalldicht. Lässt Thorsten Neuhaus den „Eurofighter“ starten, weiß er schon beim Warmlaufen: „Der Kollege über mir kriegt die Füße massiert.“ Alle übrigen hören so gut wie nichts.

Quelle: op-online.de

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