Alkoholquellen trocken legen

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Batterien leerer Sekt-, Wein- und Schnapsflaschen will Andreas Jacobsen in Rödermark nicht mehr sehen - zumindest nicht mehr dort, wo Jugendliche zugange sind.

Rödermark ‐ 2,8 Promille hatte ein 14-Jähriger, als ihn seine Freunde sturzbesoffen in der Gartenstraße fanden; 2,3 Promille stellte der Notarzt bei seinem 15-jährigen Saufkumpan fest. Hätte eine Clique Neuntklässler in dieser frostigen Nacht nicht umsichtig reagiert, den Jugendlichen Erbrochenes aus dem Rachen gekratzt und den Rettungsdienst alarmiert, hätten die beiden ihren Wodka-Rausch wohl mit dem Leben bezahlt. Von Michael Löw

Gut fünf Jahre ist‘s her, dass dieses Besäufnis die Rödermärker schockte - und auch aufrüttelte. Denn seither hat sich viel getan in Sachen Alkoholprävention. Die Vorbeugearbeit, die Stadtjugendpfleger Andreas Jacobsen bis dato eher im Stillen leistete, rückte plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses. Er gründete unter anderem die „Clean Scouts“: Die Freiwilligentruppe zieht durchs Kerbgeschehen und spricht Jugendliche an, die einen sitzen haben oder kurz davor sind. Seither hat Jacobsen nichts mehr vom Alkoholabstürzen bei Großveranstaltungen mehr gehört: „Darüber haben wir selbst gestaunt!“

Zweites Standbein der Suchtvorbeugung ist Jacobsens Aktion „Gaststätten mit Herz und Verstand“. Die Stadt verleiht Lokalen, die mindestens zwei beliebte alkoholfreie Getränke billiger als Bier oder Apfelwein anbieten, ein Gütesiegel. Alibi-Getränke wie stilles Wasser, Milch oder Malzbier zählen nicht; die Wirte müssen Cola, Limo oder Spezi günstiger verkaufen.

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19 Speisegaststätten, Kneipen, Vereinsheime und Pizzerien sowie eine Tankstelle machen mit. In den vergangenen Wochen kamen der Tennisclub Grün-Weiß Waldacker, die Urberacher Jägerblut-Schützen, der Tanzsportclub und das Eiscafé Venezia dazu. Gelatiere Valentino Piazza weist seine jungen Gäste sogar darauf hin, falls eine Eissorte Alkohol enthält. Und Claudia Euler vom Tennisclub sieht die Vereine besonders in der Pflicht: „Besonders in einem Sportheim sollte man darauf achten, dass Kinder keinen Unsinn machen.“

Das sind zwar nur ein Teil der potenziellen Rödermärker Alkoholquellen. Aber Jacobsen will niemanden dazu zwingen. Bei der Anmeldung setzt er auf Freiwilligkeit, beim Durchhalten auch auf die Kontrollen des Gewerbeamtes. Nach sechs Jahren „Gaststätten mit Herz und Verstand“ hat Jacobsen ein Näschen entwickelt, ob ein Wirt mit Herz und Verstand dabei ist oder nur mit dem Aufkleber wirbt.

Etliche Gastronomen gehen aber auf Tauchstation. Jacobsen: „Immer noch zu viele geben uns keine Rückmeldung, weichen aus oder wiegeln ab. Ihnen ist Profit oder Bequemlichkeit offenbar wichtiger als Verantwortung jungen Leuten gegenüber - die gesetzlichen Vorgaben einmal außen vor gelassen.

Trotz solcherlei Rückschlägen lässt der rührige Kämpfer gegen den Suff nicht locker. Andreas Jacobsen wirbt bei den Kneipiers weiter für die Aktion und schickt die „Clean Scouts“ auch an Kerb 2010 wieder auf Promille-Patrouille.

Die „Gaststätten mit Herz und Verstand“ und die Rödermärker „Clean Scouts“ gelten inzwischen im ganzen Kreis als Vorbild. Und die Dietzenbacher Jugendpflege hat Jacobsen schon gefragt, ob sie das Modell übernehmen kann.

Quelle: op-online.de

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