Erinnerungen an Krieg und Knappheit

Schlaf kann ein Geschenk sein

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Heinrich und Josef Sturm bekamen 1940 ein Schaukelpferd geschenkt. Das mussten sie - man sieht"s an den Blumen - nicht schon zu Maria Lichtmess wieder wegpacken.

Rödermark - Nein; neidisch auf das, was bei Enkeln und Urenkeln heute unter Baum liegt, sind sie nicht, wenn sie an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit denken. Frauen und Männer, die ihren 80. Geburtstag meist schon gefeiert haben, kannten nur Bescheidenheit. Von Michael Löw 

Ihre Eltern rackerten in Werkstätten oder auf kleinen Bauerhöfen, da fehlte das Geld für große Geschenke. „Es hod nid viel gäwwe“, bringt Rita Dutiné (84) die Urberacher Weihnachtsfeste der dreißiger und vierziger Jahre auf den Punkt. Und was es gab, stammte oft aus dem eigenen Vorratskeller. „Ich habe mich als Kind über einen großen Lebkuchen oder ein paar schöne Äpfel gefreut“, erinnert sich Franz Kern (81). Zu Apfel, Nuss und Mandelkern hatten Mama oder Oma gestrickt. Handschuhe und Mützen waren willkommen - damals trug der Winter seinen Namen noch zu Recht -, Strümpfe nicht. Maria Schrod (79) gibt zu, dass sich ihre Begeisterung in Grenzen hielt: „Die Strümpfe haben gekratzt. Deshalb haben wir sie wieder aufgezogen und die Wolle anderweitig verwertet.“

Ihr Mann Adam (87) freute sich 1937 „wie ein König“ über einen Trix-Modellbaukasten. Der kam von seiner künftigen Schwägerin, die mit diesem teuren Geschenk vor der Hochzeit die Herzen der Familie Schrod gewann. Karl Sturm (89) denkt immer noch gern an eine ungewöhnliche Gabe zurück. Die Frau des jüdischen Industriellen Robert Bloch war katholisch und besuchte vor Weihnachten immer die „Kinnerschul“ der Schwestern. Klein-Karl bekam 1929 einen blechernen Tankwagen zum Aufziehen, der sogar Wasser verspritzte. Den Mädchen schenkte die Fabrikanten-Gattin Wolle, damit sie das Stricken lernen.

Die Schreiner-Familie Sturm war etwas wohlhabender als die meisten Urberacher. Doch große Sprünge waren bei fünf Söhnen nicht drin. Die Buben wuchsen schneller aus ihren Kleidern heraus als den Eltern lieb war. Unter Christbaum lagen daher Dinge des täglichen Lebens, die die Leute heutzutage einfach so kaufen. Typisch für die materiell arme Zeit: Ritterburgen und Kaufläden wurden spätestens an Maria Lichtmess wieder eingepackt. So blieben sie heil, und Eltern konnten am nächsten Weihnachtsfest neues Zubehör verschenken.

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Spricht man mit dieser Generation über Weihnachten, werden unweigerlich bittere Kriegserinnerungen wach. Die 85-jährige Ruth Streitenberger aus Messenhausen wuchs in der Pfalz auf. Sie besaß ein paar Puppen, die an Heiligabend neu eingekleidet wurden - so auch 1944. Nur eine Woche später wurde die Familie ausgebombt. „Ich habe nur eine Puppe retten können“, erzählt Ruth Streitenberger. Sie hatte ihren Liebling auf ein Sesselchen gesetzt und mit vielen Kissen zugedeckt. Diese Puppe hält die alte Dame auch nach fast 70 Jahren noch in Ehren.

Das kleine Mädchen, das sich 1954 über einen Waschzuber unter Christbaum freute, wurde übrigens keine brave Hausfrau, sondern lernte Bibliothekarin.

Weltkriegs-Weihnachten hat Geschenke aus Holz, Blech, Celluloid oder Wolle zur Nebensache gemacht. Fast alle Familien in Ober-Roden und Urberach bangten um Verwandte, die an längst verlorenen Fronten kämpfen. „Wenn an Heiligabend zur Mundharmonika gesungen wurden, flossen die Tränen“, schildert Franz Kern, und Maria Schrod hat das größte Geschenk dieser Tage im Herzen bewahrt: „Einmal eine Nacht ohne Fliegeralarm schlafen!“

Quelle: op-online.de

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