Aus Altlast wird ein Wohnquartier

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Der grün unterlegte Bereich begrenzt das Neubaugebiet. Links in Grau: die Odenwaldstraße.

Ober-Roden - So dicht dran wie jetzt war die Stadt an der Vermarktung der Industriebrache des ehemaligen Galvanikbetriebs Hitzel & Beck noch nie. Von Bernhard Pelka

Die Projektentwicklung Früchtenicht GmbH aus Babenhausen hat von einem der insolventen Privateigentümer das von Schwermetallen und Lösemitteln verseuchte Firmengelände an der Odenwaldstraße 44-46 gekauft und sich zur Sanierung verpflichtet. Die Stadt tendiert nun dazu, das ihr gehörende Nachbargrundstück ebenfalls an diesen Investor zu verkaufen. Auf den insgesamt 11 400 Quadratmetern möchte der Projektentwickler dann rund 150 Eigentumswohnungen bauen.

Investor ist kein Unbekannter

Der Investor ist in der Region kein Unbekannter. Referenzobjekte sind das Neubaugebiet Campus Dieburg oder das Wohnbaugebiet Alte Ziegelei in Groß-Zimmern. Im Bauausschuss stellte Geschäftsführer Harald Früchtenicht einen ersten städtebaulichen Entwurf für das Gelände in Ober-Roden vor.

An der Odenwaldstraße sollen zweigeschossige Häuser entstehen, dahinter dreigeschossige und direkt an der S-Bahn-Linie zwei L-förmige viergeschossige Riegel. Diese dienen zugleich als Schallschutz für das gesamte Areal.

Unter dem Gelände liegt eine Tiefgarage mit rund 300 Stellplätzen. Der Boden muss wegen der immensen Altlasten ohnehin ausgehoben und fachgerecht entsorgt werden. Zwischen den Gebäuden bleibt ein Fußweg zum Bahnhof erhalten. Eine Ein- und eine Ausfahrt erschließen die Tiefgarage von der Odenwaldstraße her.

Das Wohnquartier für 300 Menschen wird im Bebauungsplan als Mischgebiet ausgewiesen werden. Bedeutet: In den Erdgeschossen der neuen Wohnhäuser könnten sich Geschäfte und Dienstleister einmieten. „Sicher werden wir dort einen Back-Shop haben“, nannte Früchtenicht ein Beispiel.

Schwerpunkt auf Wohnungsbau

Der Schwerpunkt liege jedoch ganz klar auf Wohnungsbau. Schließlich seien in unmittelbarer Nähe diverse Verbrauchermärkte vorhanden. Ein Blockheizkraftwerk soll den Wohnungen umweltschonende Energie fürs Heizen und Warmwasser zuführen.

„Wir waren noch nie so weit bei der Gesamtvermarktung des Gebiets“, lobte Bürgermeister Roland Kern den ersten Planentwurf. Natürlich habe es in jüngster Vergangenheit immer wieder Interessenten für Grundstücksteile gegeben. Aber keiner habe sich an das gesamte Projekt gewagt. Den möglichen Verkaufserlös für den städtischen Grundstücksanteil von 4 600 Quadratmeter bezifferte er mit ungefähr 1,4 Millionen Euro. Im Ausschuss stießen die Ausführungen von Harald Früchtenicht grundsätzlich auf Zustimmung.

Wie geht’s jetzt weiter? Der städtebauliche Entwurf muss nach weiterer Abstimmung letztlich in einen Bebauungsplan münden. Das kann bis zu 18 Monate dauern. Danach brauchte der Investor zwei Jahre Bauzeit. Erstbezug der Wohnungen wäre im günstigsten Fall dann etwa Ende 2016.

Das Baugebiet hat eine teils unrühmliche Vorgeschichte. Von 1954 bis zur Insolvenz im Juni 2000 arbeitete dort der Galvanikbetrieb Hitzel & Beck. Das Unternehmen hinterließ ein lokales Umweltdesaster.

Weil das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) die Eigentümer aus der Insolvenz heraus nicht mehr für den von ihrem Betrieb verursachten Schaden zur Kasse bitten konnte, gleichwohl aber Gefahr im Verzug war, ordnete die Behörde schon im Mai 2001 die Sanierung an. Seither flossen mehr als zwei Millionen Euro in die Beseitigung von tonnenweise gefährlichen Resten aus der Metallveredelung und in die vorläufige Bodensanierung.

Bislang über zwei Millionen für Sanierung

Die bisher größte Summe - 900 000 Euro - hatte im Sommer 2001 die Beseitigung von 420 Kubikmetern Zyaniden, Lösungsmitteln, Schwermetallen und Schlämmen sowie 70 Tonnen Chemikalien verschlungen. Das RP musste 120 Tonnen Gleichrichter und Transformatoren, die mit PCB belastet sind, entsorgen lassen.

Auch das Grundwasser ist verseucht. Der Grenzwert für leichtflüchtige chlorierte Kohlenwasserstoffe zum Beispiel war im Boden um das 250-Fache und im Grundwasser um das 100-Fache überschritten. Daher wurde das Gelände aus der Insolvenzmasse entlassen:.Der Insolvenzverwalter hat es als wertlos eingestuft und danach zur weiteren Vermarktung freigegeben.

Das Land Hessen kümmert sich um die Grundwassersanierung. Deshalb sollen in der Tiefgarage unter dem neuen Wohnkomplex entsprechende Einrichtungen Platz finden. „Die Grundwassersanierung dauert mindestens noch 15 bis 20 Jahre“, sagt Früchtenicht.

Das Hitzel & Beck-Areal ist der zweite ehemalige Metall verarbeitende Betrieb am Bahnhof Ober-Roden, der zur Altlast wurde. Die Sanierung des früheren Eloxalwerks ein paar Meter weiter in der Odenwaldstraße kostete Mitte der neunziger Jahre fünf Millionen Mark. Doch aus dem erhofften „Tor zur S-Bahn“ wurde nur ein Parkplatz.

Wie eine Altlast vorbildlich saniert werden kann, zeigt sich auf dem Bosch-Gelände in Urberach. Dort arbeiten Unternehmen und Behörden bestens zusammen. Aus der riesigen Industriebrache wurde das Märktezentrum. Während oben die Kunden ungestört einkaufen, läuft im verborgenen Untergrund die Grundwassersanierung noch viele Jahre weiter.

Quelle: op-online.de

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