Amis erbeuteten Eingemachtes

+
Als kleiner Bub hat Franz Kern (links) während des Krieges Patronenhülsen und Bombensplitter gesammelt. Ferdinand Mieth (rechts) hat noch viele Bilder aus dieser Zeit. Für die Flugblätter im Vordergrund, die Amerikaner und Briten über Urberach abgeworfen hatten, riskierte Reinhard Nostadt schwere Strafen. Ihr Besitz war strengstens verboten.

Rödermark ‐ Auch nach 65 Jahren hat Ferdinand Mieth die Szene, in der sein Vater Jakob zwischen den Fronten stand, noch vor Augen. Von Michael Löw

Ein amerikanischer Stoßtrupp mit drei Panzern rollte von Urberach auf Ober-Roden zu, in einem Erdloch hockten fünf armselig ausgerüstete Wehrmachtssoldaten, die den überlegenen Feind aufhalten sollten. „Wenn ihr nur einen Schuss abgebt, wird Ober-Roden eingeäschert“, schrie Jakob Mieth Hitlers letztem Aufgebot zu - wohl wissend, dass auf „Wehrkraftzersetzung“ die Todesstrafe stand. Die Waffen schwiegen, die Geschichte nahm am Palmsonntag 1945 ein gutes Ende...

Der Zweite Weltkrieg, der am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete, hatte auch in Ober-Roden und Urberach mehr als genug Menschen das Leben gekostet. Allein Ober-Roden beklagte 180 gefallene und 46 vermisste Soldaten sowie mehr als 30 zivile Tote nach amerikanischen und britischen Fliegerangriffen. Die Urberacher Chronik berichtet von 113 Gefallenen.

Anfangs großes Abenteuer für Kinder: Für manche aber dann der Tod

Ferdinand Mieth, Franz Kern und der verstorbeneAdam Reisert haben für den Heimat- und Geschichtsverein die Schicksale hinter diesen Zahlen beleuchtet. Paul Bieber aus Waldacker war der erste Soldat aus dem heutigen Rödermark, der beim Überfall auf Polen starb. Er wurde noch mit allen militärischen Ehren zu Grabe getragen, wie man damals sagte. „Sechs Soldaten schossen Salut, wir Kinder haben die Patronenhülsen gesammelt“, erzählt Kern, was für ihn im Alter von sieben Jahren damals wichtig war.

Als die alliierten Flugzeuge den Krieg auch in seinen Heimatort brachten, war‘s anfangs für ihn und seine Altersgenossen ein großes Abenteuer. Der zwölfjährige Anton Zahn bezahlte es mit dem Leben: Ein Blindgänger, mit dem er spielte, explodierte. Auch drei Urberacher Buben kamen so ums Leben. Zu den letzten Ober-Röder Opfern des Zweiten Weltkriegs gehörten Georg Johann Beckmann, Katharina Weber und Willi Schlee. Am 18. März traf eine Bombe sein Haus in der Borngasse. Katharina Weber wurde über dem Wochenbett ihrer Schwester von einem Dachbalken erschlagen, Mutter und Baby überlebten wie durch ein Wunder.

Mit 13 Jahren Aushilfspauker

Aber nicht nur Tod und Leid haben sich ins Gedächtnis der Zeitzeugen eingeprägt. Zusammen mit Alfred Schrod musste Franz Kern Erstklässler unterrichten, weil die meisten Lehrer kämpfen mussten. 13 Jahre waren die Aushilfspauker jung. Mit einer Mischung aus Grausen und Schmunzeln denkt Franz Kern an die Einquartierung der ersten US-Soldaten in seinem Elternhaus in der Frankfurter Straße zurück: „Die haben sich mit ihren dreckigen Uniformen einfach auf unsere Betten geworfen!“

Die GIs blieben aber nur eine Nacht und ließen mehr zurück als sie mitgenommen haben. Ihrer „Beute“ - drei Gläser Eingemachtes - standen jede Menge Schokolade und Zigaretten gegenüber. Franz Kern: „Wir Buben haben damals das Rauchen gelernt.“

Kern will seine Erinnerungen nicht für sich behalten. Zumal er die Geschichte mit Bombensplittern, Patronenhülsen schwerer Maschinengewehre und Flugblättern, auf denen die Alliierten die deutsche Bevölkerung über die wahre Lage informierten, anschaulich ergänzt. Mit Elfriede Lotz aus Urberach berichtete er schon zweimal in der Nell-Breuning-Schule über den Krieg.

Lesen Sie dazu auch unsere Sonderseiten „65 Jahre danach“.

Quelle: op-online.de

Kommentare