Apfelwein aus Urberach

Schönlinge kommen nicht ins Glas

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Edmund Weiland zapft zur Probe den Süßen ab, der nicht nur Grundlage für Schwarzkopf-Apfelwein ist: Diese Woche holte ein Hobby-Kelterer 400 Liter für sein ganz persönliches Stöffche ab.

Urberach - Schrumpelig? Ein paar braune Flecken? Winzig klein und fast so hart wie eine Kastanie? Kein Problem - Edmund Weiland nimmt auch Äpfel, die im Supermarkt keine Chance hätten, und macht die hessische Getränkespezialität schlechthin daraus. Von Michael Löw

Schwarzkopf-Apfelwein ist in vieler Gläser und Munde. Auch nach 88 Jahren wird das Orwischer Stöffche noch unter dem Namen seines ersten Kelterers, Adam Schwarzkopf, vermarktet.

Guter Apfelwein ist für Edmund Weiland kein Ergebnis von prall glänzendem Reklameobst. Charakter müssen die Äpfel haben, die er in seiner Saftpresse quetscht. Aus 70 Zentnern Rohware werden 20 Hektoliter Most. Für alle, die es mit traditionellen Maßeinheiten nicht so haben: Dreieinhalb Tonnen Äpfel ergeben 2 000 Liter Ausgangsstoff für Apfelwein.

Ernte von Streuobstwiesen

Nein, hier wird kein Sauergespritzter für eine Großveranstaltung gemischt. Ganz normales Wasser schwemmt die Äpfel aus den Betonwannen der Kelterei Schwarzkopf in die Saftpresse.

Edmund Weiland würde am liebsten nur die Ernte von Streuobstwiesen aus der Umgebung verarbeiten. Doch diese Äpfel machen höchstens noch 30 Prozent aus. Den Leuten ist’s zu mühsam, Weiland bekommt immer wieder Sätze zu hören, die ihm in der Seele wehtun: „Lieber sollen die Äpfel am Baum verfaulen, als dass ich mir das Kreuz verrenke!“ Also muss er Obst zukaufen. Aus dem Spessart, aus Baden-Württemberg und aus dem Alten Land. Das nasse und kalte Frühjahr hat auch den Bauern dort das Geschäft vermiest. Ein Großhändler, der sonst vier 25-Tonner voller Äpfel nach Urberach bringt, meldete: „Ich habe nichts.“ Was natürlich tiefgestapelt ist. Doch mit nur 10 oder 15 Tonnen Fracht lohnt sich die weite Tour für den Lkw-Fahrer nicht.

Trotz mancher Rohstoff-Engpässe keltert Edmund Weiland 1 500 bis 1 700 Hektoliter pro Herbst. Sein Credo: „Gemischte Sorten geben den besten Äppelwoi!“ Um sortenreine Apfelweine herzustellen, die Spezialisten aus der Wetterau zu Spätlesepreisen verkaufen können, ist die Traditionskelterei in der Darmstädter Straße schon wieder zu groß.

1925 mit dem Keltern angefangen

Hier hat sein Großvater Adam Schwarzkopf 1925 mit dem Keltern angefangen. Edmund Weiland wollte schon früh einsteigen, beherzigte dann aber Opas Rat: „Erst wird was Gescheites gelernt, dann kannst Du daheim bleiben.“ Der folgsame Enkel begann 1963 eine Elektrikerlehre bei der Bahn und blieb ab 1967 daheim. Sprich: Er kelterte mit seinem Vater Willi Weiland. 3 500 Hektoliter in Spitzenjahren.

Doch die sind vorbei. Der Gesundheit und des Führerscheins zuliebe trinken die Leute immer weniger Apfelwein. Und auch immer weniger Bier. Das Gerede vom hessischsten aller Getränke mag Weiland nicht mehr hören: „Das lokale Getränk ist nun einmal Selterswasser.“

Mit dem können Freunde des Weiland’schen Apfelweins ihr Stöffche zu Sauergespritztem verdünnen. Das Obst, das in diesen Tagen auf dem Hof angeliefert wird, können sie aber frühestens im März oder April im berühmten gerippten Glas genießen. Der Saft muss erst vier bis sechs Wochen gären, damit er Alkohol entwickelt. Über den Winter reift er in stählernen Tanks. Mit 13 bis 15 Grad herrscht in Weilands Keller jahrein, jahraus die ideale Lagertemperatur.

Geschmack und Qualität von Schwarzkopf-Apfelwein wissen Privatkunden, Wirte und Getränkehändler zwischen Urberach, Münster, Heusenstamm und Langen zu schätzen. Und auch wenn Edmund Weilands Blick mit einer Portion Wehmut auf den längst nicht mehr genutzten 60 000-Liter Tank im Hof fällt, kommt eines nicht in Frage: Apfelwein im großen Stil für Supermärkte keltern. Sowas verwässert den Ruf des Familienbetriebs.

Quelle: op-online.de

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