„Aufschnitt“ für 1687 Orgelpfeifen

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Die Urberacher Orgel besteht aus 1687 Pfeifen. Philipp Neßling hat jede einzelne etliche Male in der Hand gehabt.

Urberach ‐ Auch die Königen der Kirchenmusik braucht gelegentlich eine Frischzellenkur. Die katholische Kirchengemeinde St. Gallus spendierte ihrer 31 Jahre alten Orgel eine Generalüberholung. Was ist nötig, damit die Orgelpfeifen wieder klingen wie am ersten Tag? Von Michael Löw

Knapp 1700 Orgelpfeifen klingen Sonntag für Sonntag in der St. Gallus-Kirche zum Lob Gottes. Seit Mitte November sind sie jedoch verstummt, die katholische Gemeinde lässt das 1979 gebaute Instrument generalüberholen. 31 Jahre lang rieselten Staub und Rußpartikel in die offenen Metall- und Holzpfeifen; Verstimmungen und kratzige Töne machen der Königin der Kirchenmusik arg zu schaffen.

Das musikalisch ausgebildete Gehör von Gallus-Organist Bardo Suderleith hat den schleichenden Klangverlust aber wahrgenommen und im Pfarrhaus die so genannte Grundsanierung beantragt.

Intonateur Florian Wenzel und sein Chef Philipp Neßling, Geschäftsführer der Firma Richard Rensch Orgelbau, haben das riesige Instrument in den vergangenen Wochen komplett auseinander genommen.

Neßling und Wenzel tauschten sämtliche Verschleißteile aus, justierten die Traktur, also die Mechanik, nach und bauten einen schallgedämmten Kasten um den Motor, der die exakt 1687 Pfeifen mit Wind versorgt. Früher haben Generationen von Messdienern beim Windmachen geschwitzt.

Neuer Wohlklang für Kirchenorgel

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Die Orgelbauer brachten sämtliche Pfeifen - die kleinste misst acht Millimeter, die größte erreicht locker Mannshöhe - zur Reinigung in die Werkstatt nach Lauffen bei Heilbronn. Mittlerweile sind sie zurück in Urberach und kehren eine nach der anderen an ihren angestammten Platz zurück.

Eine der letzten Arbeiten, die Neßling und Wenzel auf der Empore erledigen, ist das Erhöhen des „Aufschnitts“. Warum die Fachmänner beim Wegschneiden vom Erhöhen sprechen und was eine gemischte Wurstplatte mit Kirchenmusik zu tun hat, bleibt dem Laien auf ewig ein Geheimnis. Klar wird ihm hingegen schnell: hier geht‘s um Bruchteile von Millimetern. „Schneide mal ein Frauenhaar nach“ lautet eine gängige Arbeitsanweisung unter Intonateuren.

Der Handarbeit folgt die Ohrarbeit. Denn selbst die teuersten Schallpegelmessgeräte registrieren bei der Feinabstimmung höchstens ansatzweise die Nuancen, die das menschliche Gehör wahrnimmt.

„Diese Intonierung wurde beim Orgelbau etwas vernachlässigt“, kritisiert Philipp Neßling ganz, ganz leise die Kollegen von vor 30 Jahren. Die Gallus-Orgel klinge „etwas grell“, doch diese „Schärfe“ hätten Wenzel und er jetzt abgemildert.

Quelle: op-online.de

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