Bäcker mit Leib und Seele

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So viele Bäckermeister, Gesellen und Lehrjungen (und ein Lehrmädchen) gab es in den dreißiger Jahren allein in Ober-Roden

Ober-Roden Wer vom „Bäcker Schrod“ in Ober-Roden spricht, der meint heutzutage den herrlich altmodischen Laden von Bob Schrod und seiner Familie, den meisten noch unter der Leitung von dessen Vater Robert Schrod bekannt. Von Christine Ziesecke

Früher gab’s zwei Schrod’sche Bäckereien im Ort: Bob’s Großvater Philipp Edmund Schrod stammte aus der Bäckerei von Otto Schrod in der Ringstraße, dem Bürgermeister. Sein Bruder übernahm die dortige Bäckerei. Er zog ins Haus seines Onkels, den jetzigen Laden, und machte dort eine weitere Bäckerei auf. „Noch zu der Zeit, als ich anfing“, erinnert sich Bob Schrod, „gab’s sieben Bäckereien in Ober-Roden, und alle konnten davon leben.“ Es wurde damals mehr gebacken, allerdings in einer geringeren Vielfalt als heute. Und viele Hausfrauen brachten ihre Bleche zum Backen, vor allem an Kerb.

Bob Schrods Sparsamkeit hat die Bäckerei ihr so typisches Aussehen zu verdanken. „Wir wollten mal umbauen und neu einrichten, die Firma wollte für ihr Angebot aber 50 000 Mark Vorauskasse. Mein Vater hätte es gemacht, aber ich hab es abgelehnt. Wie gut: wenige Wochen später war diese Firma pleite!“ Damals wurde beschlossen, den Laden einfach so weiterzuführen, wie er jetzt noch da steht, mit dem für die 50er und 60er Jahre typischen Charme von Resopalflächen und Goldleisten.

Für das gesparte Geld wurde 1986 ein neuer Ofen gebaut. „Lieber ein kleiner voller Laden als ein großer leerer“, schmunzelt Susanna Schrod. Ab 6.30 Uhr ist der Laden geöffnet. Jeder langjährige Kunde weiß, wo er klingeln muss, wenn er mal zum Abholen zu spät kommt oder eine Bestellung vergessen hat. Das gilt notfalls auch für Kunden, die mit den steilen Treppenstufen ein Problem haben: „Wenn wir durchs Schaufenster jemanden mit Gehhilfe draußen stehen sehen, gehen wir eh raus. Und die gehbehinderte Nachbarin gegenüber winkt, wenn sie etwas braucht.“ Dafür gibt’s aber auch den Ausfahrdienst, der täglich auf Achse ist, immer im Wechsel zwischen Ober-Roden, Breidert und Rollwald „Dort freuen sich viele gerade Ältere, wenn wir kommen.“

1957 heiratete Susanna ihren Robert (sen.). Sie wusste wohl, was sie erwartete, und sie war stolz darauf, in eine Bäckerei einzuheiraten. Inzwischen steht die 78-Jährige seit 56 Jahre hinter der gleichen Theke. „Dem Kopf geht’s ja noch gut – nur die Gelenke tun abends halt weh...“ Kein Wunder. Denn ihr Wecker klingelt jeden Morgen um Viertel vor 4 Uhr: „Dann bete ich mein Morgengebet, aber da schlaf ich manchmal noch ein bisschen ein dabei, und um vier Uhr ziehe ich mich an.“ Vor halb neun Uhr abends kommt die fleißige Frau kaum aus dem Laden heraus. „Ich muss ja abends noch alles fertig machen, morgens kommt ja die frische Ware.“

„Morgens“, das heißt ab 2 Uhr. Da fängt Robert Schrod junior mit dem Backen an. Als „Bob“ ist er über seine Musik jedem im Ort ein Begriff. Offiziell hat er 1991 die Bäckerei übernommen; zwei Jahre war er beim Vater in der Lehre gewesen und schließlich 1982 der jüngste Bäckermeister im Kreis Dieburg. Vielleicht hätte er lieber hauptberuflich Musik gemacht, denn das Klavier ist ihm vertraut, seit er acht Jahre alt ist. Auch das Singen hat er schon sehr früh mit Norbert Hornung und Gregor Wade zusammen entdeckt. Doch da gab’s keine Alternative: Musik, wenn Zeit dafür ist, aber Backen als Beruf. Und das heißt freitags und samstags etwa schon um 23 Uhr abends, denn dann warten die vielen Bestellungen von Vereinen und Privatleuten. Dazu kommen die saisonalen Produkte: Gespenster, jetzt die Weckmänner und Stutenkerle, die Produktion der Stollen und

der Weihnachtsplätzchen läuft längst auf Hochtouren: „Etwa ein Zentner Mehl wird hier zu zwölf bis 14 Sorten Plätzchen verbacken. Das gibt etwa drei Zentner Gebäck.“ Die Zukunft ist offen: Bob Schrods Sohn Patrick studiert Mechatronik, seine Tochter Rebecca macht Abitur und wird danach auch studieren. „Von mir aus darf jeder von denen studieren, was er will – das war immer selbstverständlich.“ Warum tut sich Bob Schrod das heutzutage noch an, auch wenn die Nachfolge ungeklärt ist und er sein Geld vielleicht mit der Musik viel einfacher verdienen könnte? Die Antwort sagt alles:„Es macht mir Spaß, auch wenn ich tatsächlich Tag für Tag backe!“

Quelle: op-online.de

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