Alles zurück auf Null beim Bahnhof

Ober-Roden - Der Magistrat soll beim Verkauf des Bahnhofs Ober-Roden einen Neustart unternehmen. Das Stadtparlament hob am Dienstagabend einstimmig seinen Verkaufsbeschluss an das Steuerberatungsbüro Contrust auf. Von Michael Löw

Gleichzeitig beauftragten die Kommunalpolitiker die Verwaltung mit der Suche nach einem neuen Investor, der gehobene Gastronomie in das hochgradig sanierungsbedürftige Empfangsgebäude bringt.

Bürgermeister Roland Kern hatte das „traurige Kapitel“ (Tobias Kruger, FDP) nochmals von den Anfängen an beleuchtet. Die Bahn habe der Stadt den eigentlichen Bahnhof mit 700 Quadratmetern Fläche und weitere 4742 Quadratmeter Gelände für 600.000 Euro angeboten. In zähen Verhandlungen drückte der Magistrat den Preis auf 400.000 Euro, der Wert des Gebäudes wurde mit 40.000 Euro, also einem Zehntel dieser Summe, beziffert.

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2008 bekundete Contrust sein Interesse, wenig später gab auch die Fitnessstudio-Kette „Killersports“ ein Angebot ab. Am 4. Mai 2010 beschloss die Stadtverordnetenversammlung gegen die Stimmen der FDP und bei zwei Enthaltungen der AL den Verkauf an das Ober-Röder Steuerbüro. Es sollte 68.630 Euro für das Gebäude und 250 Quadratmeter Vorplatz zahlen und verpflichtete sich, den Bahnhof in seiner historischen Substanz zu erhalten. Die Stadt wiederum verpflichtete sich, das Gelände lastenfrei zu übergeben.

Gegenseitige Vorwürfe von Stadt und Investor

Wichtige Versorgungsleitungen im Boden, die die Stadt verlegen lassen musste, erschwerten die Verhandlungen, doch gescheitert sind sie am Denkmalschutz. Dass der Bahnhof schützenswert ist, sei der Verwaltung Ende vergangenen Jahres bekannt geworden, erläuterte Kern. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den Kaufvertrag mit Contrust unterschrieben, zur Rechtskraft fehlte die Unterschrift des Ersten Stadtrats Alexander Sturm. „Es war ein Glücksfall für uns, dass wir vor der zweiten Unterschrift die Information über den Denkmalschutz erhalten haben“, sagte Kern. Der Notar habe den Magistrat vor möglichen Schadenersatzforderungen des Käufers gewarnt, weil eine wichtige Eigenschaft des Gebäudes nicht Gegenstand des Vertrags war.

Am 4. Juni kippte der Magistrat das Geschäft mit einem einstimmigen Beschluss. Stadt und Investor machten sich gegenseitig für das Scheitern verantwortlich.

Der Vertrags-Stopp sei „in beiderseitigem Interesse“, pflichtete Michael Spieß (CDU) dem Magistrat bei und verglich den Beschluss mit dem „Drücken des Reset-Knopfs“ am Computer. Der stellt bekanntlich alles auf Null zurück.

Zweifel am Kaufpreis

Stefan Gerl, Vorsitzender der AL-Fraktion, blickte nach vorn. Investitionen in den Bahnhof und seine Freiflächen seien ein wichtiges Signal an Hausbesitzer in der Umgebung, auch selbst wieder Geld in ihre Immobilien zu stecken. Denkmalschutz und Energiesparen sind seiner Ansicht nach kein Widerspruch: In Frankfurt sei das an etlichen sanierten Gebäuden aus der Gründerzeit zu besichtigen.

Nachdem auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Junge auf die Linie des Magistrats eingeschwenkt war, kam Kritik nur noch von Freien Wählern und FDP. Peter Schröder (Freie Wähler) verwies auf Recherchen seiner Fraktion beim Landesamt für Denkmalpflege und in einschlägiger Fachliteratur. Dort sei der Bahnhof Ober-Roden seit 2000 beziehungsweise seit 2005 als Kulturdenkmal gelistet. Schröder: Wenn dem Magistrat die historische Qualität des Bahnhofs so wichtig ist, hätte er sich spätestens mit dem Start der Verkaufsgespräche um den Denkmalschutz kümmern müssen.

Ähnlich argumentierte auch FDP-Mann Kruger. Der bezweifelte außerdem, dass die Stadt den Bahnhof zum Preis von 68.630 Euro - diese Summe steht auch im neuen Parlamentsbeschluss - verkaufen kann: „Zweieinhalb Jahre Warten haben die Bausubstanz nicht besser gemacht.“

Quelle: op-online.de

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