Magistrat stoppt Bahnhofsverkauf

Ober-Roden - Der Verkauf des Bahnhofs Ober-Roden an die Steuerberatungsgesellschaft Contrust ist geplatzt. Bürgermeister Roland Kern teilte diesen einstimmigen Magistratsbeschluss am Montagabend im Akteneinsichtsausschuss mit. Von Michael Löw

Er gibt Contrust die Schuld am Scheitern der Verhandlungen, die sich mehr als vier Jahre hinzogen. Contrust-Geschäftsführer Andreas Reusch kontert und wirft der Stadt „stillosen Umgang mit Vertragspartnern“ vor.

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Planerisches Fiasko

Die Stadt hatte den Bahnhof und eine Freifläche nördlich davon 2007 für 400.000 Euro von der Bahn AG gekauft und wollte ihn zum Preis von rund 68.000 Euro an Contrust weiterverkaufen. Während der Verhandlungen tauchten immer neue Altlasten auf. Die SPD stieß auf vergessene Wegerechte und Versorgungsleitungen der Bahn, die die Stadt verlegen musste. Voriges Jahr wurde bekannt, dass der Bahnhof unter Denkmalschutz steht. Angesichts dieser Ungereimtheiten setzte die SPD mit Unterstützung von FDP und Freien Wählern einen Akteneinsichtsausschuss durch. In dessen jüngster Sitzung erfuhren die Parlamentarier nun vom Ende des Geschäfts.

„Wir müssen so handeln“, erklärten Bürgermeister Kern und Erster Stadtrat Alexander Sturm, die eine Hängepartie beenden wollen. So jedenfalls steht"s in einer Pressemitteilung des Rathauses. Seit einem halben Jahr herrsche Stillstand, obwohl Bauaufsicht und Denkmalschutzbehörde den Kaufinteressenten Wege zu einer Realisierung ihres Vorhabens aufgezeigt hätten.

Streitpunkt Denkmalschutz

Knackpunkt war eine vom Magistrat geforderte Ergänzung des Kaufvertrags: Der Bahnhof steht im Denkmal-Kataster des Kreises. Contrust sollte sich bereit erklären, daraus resultierende Mehrkosten, zum Beispiel beim Brandschutz, selbst zu tragen und aus ihnen keine Forderungen gegenüber der Stadt abzuleiten. Außerdem sollte die Steuerberatungsgesellschaft „zeitnah“ einen Bauantrag stellen. Beides habe sie nicht getan.

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Verkauf unter Dach und Fach

Was in den Augen des Magistrats eine Weigerung ist, sieht Contrust-Geschäftsführer Reusch als das Ergebnis fehlender Informationen und der nicht vorhandenen Bereitschaft, eine gemeinschaftlich tragbare Lösung zu finden. Alle Planungen erfolgten auf Grundlage der städtischen Aussage, dass das Gebäude keinem Denkmalschutz unterliegt. Unter dieser Maßgabe hätte Contrust den Kaufvertrag unterzeichnet. Rechtskräftig ist er noch nicht, weil schon seit Monaten die Unterschrift der Stadt fehlt.

Das Ansinnen der Stadt, den Kauf nun mit dem „unkalkulierbaren Risiko Denkmalschutz“ zu Lasten der Erwerber abwickeln zu wollen, sehen Reusch und seine Partner Thilo Gotta und Alexander Kutschera als unzumutbar an. Sofern nun behauptet werde, alles sei kein Problem, stellt sich für ihn die Frage, weshalb die Stadt den Kaufvertrag nicht in der bestehenden Form unterzeichnet.

Kritik an Stadt

„Wir sind seitens der handelnden Personen der Stadt Rödermark enttäuscht. Es hätte sich nach einem vierjährigen Marathon, in dem wir uns immer fair und offen verhalten haben, aus unserer Sicht gehört, dass man uns persönlich in Kenntnis setzt und dies auch erläutert“, kritisierte Reusch. Seiner Ansicht nach hat die Stadt den langwierigen Prozess und dessen scheinbares Scheitern „durch ständige Richtungswechsel und Falschinformationen zu verantworten“. Inhaltlich gebe es zum aktuellen Zeitpunkt keine weitere Stellungnahme.

Der frustrierte Interessent formuliert seine Kritik noch recht moderat. Deutlicher wurde gestern der SPD-Stadtverordnete Armin Lauer: „Das war keine Glanzleistung, sondern von Anfang an ein tot geborenes Kind!“ Trotz des einstimmigen Magistratsbeschlusses hält er Bürgermeister Kern, den Rödermärker Bau- und Planungsdezernenten, für den Hauptverantwortlichen.

„Unschönes juristisches Nachspiel“

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Tobias Kruger erwartet ein „unschönes juristisches Nachspiel“, das die Stadt eine ordentliche Stange Geld kosten kann. Er geht davon aus, dass Contrust mindestens seine bisherigen Planungskosten zurück fordert.

Die FDP, die im Mai 2010 gegen den Verkauf des Bahnhofs an Contrust gestimmt hatte, sieht sich in all ihren Zweifeln von damals bestätigt. Es sei zu früh gewesen, sich auf einen Interessenten festzulegen, weil die Konzepte noch nicht solide durchgerechnet gewesen und noch viele technische und rechtliche Fragen offen gewesen seien. Die Liberalen hatten sich seinerzeit für ein Fitnessstudio des Prinzen Michael von Sachsen-Anhalt stark gemacht.

Am 26. Juni soll die Stadtverordnetenversammlung ihren Verkaufsbeschluss vom 4. Mai 2010 aufheben. Dann muss der Magistrat die Suche nach einem Investor mit passendem Konzept ganz von vorn beginnen.

Quelle: op-online.de

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