Bakterien fressen Umweltgifte

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Michael Selle (links) und Gerd Becker leiteten gestern sechs Liter Bakterien-Lösung ins verdreckte Grundwasser unter dem Bosch-Gelände.

Urberach - Ein gerade mal sechs Liter großer Bakterienstamm soll gut eine Tonne giftiger Altlasten aus dem Grundwasser unter dem Bosch-Gelände in ihre harmlosen Bestandteile aufspalten und so die Sanierung erheblich beschleunigen. Von Michael Löw

Michael Selle vom Darmstädter Umweltdienstleister Arcadis und Gerd Becker starteten gestern die entscheidende Phase eines 2010 begonnen Pilotprojektes. Haben die Bakterien in Urberach Erfolg, will Bosch möglichst viele seiner rund 400 Industrie-Altlasten in aller Welt damit sanieren.

Die in Kanada kultivierten Bakterien zersetzen die im Boden versickerten Lösungsmittel, die jahrzehntelang bei der Produktion von Telefonapparaten anfielen. Sie arbeiten unter anaeroben Bedingungen, also völlig ohne Sauerstoff. Sie vermehren sich selbst, sobald nur genug Nahrung im Boden vorhanden ist: Seit Monaten pumpen die Arcadis-Experten Melasse, also ein Rest aus der Zuckerherstellung, bis zu 30 Meter tief ins Erdreich.

Nur mit Pumpen und Filtern hätte die Grundwassersanierung 30 Jahre gedauert. Die mit Melasse gestärkten ohnehin vorhandenen Bakterien hätten das Verfahren auf 15 Jahre verkürzt, mit Hilfe des gestern injizierten Bakterienstammes reduziert es sich auf fünf bis sieben Jahre.

Selbstheilungskräfte aktivieren

„Wir aktivieren damit die Selbstheilungskräfte“, erläuterte Dr. Roger Schmidt (Arcadis). Ein weiterer Vorteil der Grundwasser-Sanierung mit Mikro-Organismen: Ihr Einsatz reduziert die Gefahr von Krebs erregenden Zwischensubstanzen auf Null.

Das Regierungspräsidium Darmstadt hat den ehemaligen Grundstücksbesitzer Bosch zu einer gründlichen Sanierung verpflichtet. Biologin Anke Uhl überwacht das Verfahren, das die Schadstoffbelastung von bis zum 100 000 Mikrogramm pro Liter Grundwasser auf 20 Mikrogramm reduzieren soll.

Bosch begann auf Anordnung ihrer Behörde 2001 mit dem großen Aufräumen seines 1996 aufgegebenen Werkes. Einige Tonnen Erde voller Schwermetalle sowie rund 1400 Kilo Lösungsmittel wurden im Zuge der Bodensanierung abtransportiert. Das erledigten Bagger relativ schnell.

Urberacher Feldversuch als Exportschlager

Die Reinigung des Grundwassers gestaltete sich schwieriger. 300 Kilogramm Lösungsmittel, giftige Chlorkohlenwasserstoffe, wurden innerhalb von sechs Jahren über ein kompliziertes Leitungs- und Filtersystem herausgeholt. Das war sowohl dem Regierungspräsidium als auch dem Bosch-Geologen Stefan Eschbach zu wenig angesichts des Restes von rund 1000 Kilo. Die Bakterien sollen Tempo machen und sind vor allem billiger. Fünf Millionen Euro gab Bosch bisher dafür aus.

Kein Wunder also, dass der Weltkonzern große Hoffnung auf den Urberacher Feldversuch setzt, den einzigen seiner Art in Hessen. Das frühere Telenorma-Werk ist nach Auskunft des Altlastenspezialisten Eschbach „mittelmäßig“ belastet. Nanking in China könnte der nächste Einsatzort der Bakterien sein.

Vorausgesetzt, die chemischen Bedingungen stimmen. „Wenn das Grundwasser schon tot ist, macht's keinen Sinn“, schränkt Eschbach ein.

In Urberach war das gottlob nicht der Fall. Die kanadischen Bakterien sollen nun ein halbes Jahr lang Schadstoffe spalten. Den Erfolg können Michael Selle, Dr. Roger Schmidt, ihr Auftraggeber und die Kontrollbehörde aber schon vorher zumindest überprüfen: Steigt die Konzentration der ungefährlichen Abbauprodukte im Grundwasser kontinuierlich an, hat das Urberacher Modell beste Chancen, nach China exportiert zu werden.

Quelle: op-online.de

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