Belastungsprobe für Grabsteine

+
Walter Steinbrecher drückt sein Kraftmessgerät mit einer Prüflast von 30 bis 50 Kilogramm gegen alle Grabsteine auf Rödermarks Friedhöfen. Die Stadt kommt mit der Arbeit des Gutachters ihrer Verkehrssicherungspflicht nach, denn wackelige Grabsteine gefährden nicht nur die Nutzungsberechtigten oder Grabnachbarn, sondern auch ahnungslose Friedhofsbesucher.

Rödermark ‐ Frost, Sickerwasser und alte Damen - genauer gesagt: 65-Jährige mit Durchschnittsgewicht und leichten Kniebeschwerden - sind die schlimmten Feinde eines Grabsteins. Von Michael Löw

Jene an und für sich liebenswerte Norm-Friedhofsbesucherin tut nach den Erfahrungen von Walter Steinbrecher folgendes: Sie geht in die Hocke, häckelt die Erde auf, zupft Unkraut, zündet eine frische Kerze an und greift an den Grabstein, um aufzustehen. Dann macht‘s manchmal Bumm, der Stein fällt um und ihr im schlimmsten Fall gegen den Kopf. Nämlich dann, wenn sie mit mehr als 30 Kilogramm an der schweren Steinplatte zieht. Diese Belastung simuliert Gutachter Steinbrecher seit Dienstag auf den Friedhöfen. Bis gestern Mittag war er in Ober-Roden unterwegs, dann fuhr er nach Urberach weiter. Rund 2.550 Grabsteine prüft er im Auftrag der Stadt.

Sein wichtigstes Handwerkszeug ist ein Kraftmessgerät. Das setzt Walter Steinbrecher an der Oberkante des Steins an und drückt. Auf einer Skala sieht er den Kraft, den er ausübt. Im Gegensatz zur Normbesucherin muss Steinbrecher sich jedoch mächtig ins Zeug legen, um die kritischen 30 bis 50 Kilo Prüflast zu erreichen.

Hat der berühmt-berüchtigte Zahn der Zeit am Grabmal genagt, tut sich zwischen dem eigentlichen Stein und seinem Fundament ein Riss auf. Dann sind entweder Dübel durchgerostet oder Silikonverklebungen gerissen. Letzteres darf in Deutschland eigentlich nicht sein, denn die TA Grabmal, eine 37 Seiten dicke technische Anleitung der Deutschen Natursteinakademie, schreibt eindeutig mindestens zehn Zentimeter lange Metalldübel als Befestigung vor.

Sechs Wochen Zeit bleiben Angehörigen, wenn sie einen solchen Aufkleber, am Grab ihrer Verstorbenen entdecken. Dann müssen die Mängel behoben sein.

80 Grabsteine hielten dem Test in Ober-Roden nicht stand. Massive Platten von 400 Kilo Gewicht drohten ebenso zu kippen wie eine kleine künstliche Grotte, die Eltern auf dem Grab ihres verstorbenen Säuglings aufstellen ließen. „Aber auch die wiegt ihre 50 Kilo“, lässt Steinbrecher keinen Zweifel daran, dass er seinen Fuß nicht unter der Grotte haben mag.

Ein paar Meter weiter hat der Sachverständige für Gebäudeschäden und Standsicherheitsprüfungen seinen gelben Mängelzettel an einen recht neuen Grabstein geklebt. Den hatte ein Steinmetz 2005 ohne großes Dübeln aufgestellt, Steinbrecher brauchte nur 30 Kilogramm, um fehlende Standfestigkeit nachzuweisen. Die Grabnutzer kommen vielleicht billig davon, denn das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt fünf Jahre Gewährleistung vor.

„Da schauen Sie, den kann ein Kind bewegen“, gruselt‘s den Fachmann. Zehn Kilo reichen, um den Gedenkstein aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann müssen Matthias Weber und seine Kollegen vom

Betriebshof sofort ran und ihn provisorisch sichern: Sie rammen einen Holzpflock in den Boden und zurren den Stein mit einem Plastikband fest.

Walter Steinbrecher und die Mitarbeiter seines Büros in Buseck prüfen pro Jahr rund 60 000 Grabsteine in ganz Deutschland. Die Mängelquote liegt bei acht bis zehn Prozent. „In Rödermark

sind die Gräber in einem vergleichsweise guten Zustand“, stellt der Experte fest. In Ober-Roden musste er nur 6,6 Prozent der Gräber mit einem grell gelben Warnhinweis versehen. Außerdem bekommen die

Angehörigen einen Brief, in dem er die Beanstandungen in Bild und Text dokumentiert. Innerhalb von sechs Wochen müssen sie einen Fachmann mit der Reparatur und einer neuen Prüfung beauftragen.

Gibt es keine Hinterbliebenen mehr, muss die Stadt den Grabstein für den Rest der Nutzungsdauer umlegen, bedauert Regina Leiherer, die Leiterin des Standesamtes. Dieser Verwaltungsakt droht einem quasi historischen Grab. Ober-Rodens erster Weltkriegstote, der 1940 gefallene Gefreite Paul Bieber hat keine Nachfahren mehr, die sich um sein Grab kümmern.

Quelle: op-online.de

Kommentare