Beten vor verschlossenen Türen?

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Nazarius-Pfarrer Elmar Jung schließt nur noch die Tageskapelle seiner Kirche auf. Doch selbst da wurde der Opferstock schon aufgebrochen.

Rödermark - Kirchen - offene Häuser des Gebets oder sicherer Hort für Sakralgegenstände und wertvolle Kunstwerke? Üblen Zeitgenossen ist nichts heilig, in der Jügesheimer St. Nikolaus-Kirche klauten sie kurz nach Weihnachten sogar das Jesus-Kind aus der Krippe. Von Michael Löw

Und in Ober-Roden knackten Unbekannte vor einigen Wochen den Opferstock in der Tageskapelle des „Rodgaudoms“.

Das Hauptschiff der St. Nazarius-Kirche ist schon seit Jahren verschlossen. „Mich ärgert es gewaltig, dass man eine Kirche nicht offen lassen kann“, grantelt Pfarrer Elmar Jung. Die jüngste Opferstock-Attacke hat ihn in seiner Einstellung bestätigt: Der Ständer mit Opferkerzen und Geldkassette verschwand deshalb aus der offenen Tageskapelle in die meist verschlossene Weihwasser-Kapelle. Gläubige, die ihren Gebetswunsch mit einer Kerze verstärken wollen, bleibt nur noch die Zeit vor und nach den Gottesdiensten.

Der St. Nazarius-Seelsorger ist aus Schaden vorsichtig geworden. Die Liste der Ärgernisse ist nicht sonderlich spektakulär, aber lang und manchmal eklig. Vor Jahren haben Unbekannte zwischen den Kirchenbänken ihre Notdurft verrichtet. Am Kirchenpavillon in Waldacker fliegen immer wieder Steine in die Fenster. Ganze acht Euro betrug die Beute, die drei Jugendliche vor etwa 15 Monaten aus einem Opferstock machten. Immerhin: Dank aufmerksamer Nachbarn wurde das Trio aus Rödermark erwischt. Ähnlich gering dürfte auch die Beute jener Kirchenräuber gewesen sein, die am 6. Februar zwischen Sonntagsgottesdienst und Tauffeier eine Geldkassette mit Brachialgewalt aus ihrer Halterung hebelten. Zentimeterdicke Schweißnähte waren kein Hindernis für sie.

Samstags passen immer ein paar Gemeindemitglieder auf

„Das ist alles Beschaffungskriminalität. Die Leute gucken nach allem, was sie zu Geld für Drogen machen können“, mutmaßt Jung. Sinn macht’s keinen, denn sämtliche Opferstöcke werden wöchentlich geleert.

Empörte und besorgte Ober-Röder Katholiken regten nach dem Vorbild der nachweihnachtlichen Krippenwachen eine Gebetswache an. Ihr Vorschlag: Zumindest samstags passen immer ein paar Gemeindemitglieder im „Rodgaudom“ auf. Pfarrer Jung begrüßt diese Initiative natürlich, wirft aber die Frage auf „Wer tut’s und wer tut’s regelmäßig?“ Er befürchtet, dass die Gebetswache an denen hängen bleibt, die sich ohnehin engagieren.

Die Urberacher St. Gallus-Kirche hingegen steht werktags von 9 bis 18 Uhr, bei Abendgottesdiensten entsprechend länger zum Gebet oder zur stillen Andacht offen. „Wir hatten in der letzten Zeit keine Probleme“, freut sich Pfarrer Klaus Gaebler und hofft, dass es so bleibt. Kummer bereiten ihm jedoch Rabauken, die nachts Steine gegen die Kirchenfenster schleudern.

Die evangelischen Kirchen in Ober-Roden und Urberach sind nach Auskunft von Pfarrer Oliver Mattes seit vielen Jahren Tag und Nacht geöffnet. Selbst am späten Abend sieht er Betende. Nachts breiten gelegentlich sogar Obdachlose ihre Schlafsäcke zwischen den Bänken aus. Bisher gab es keine größeren Vorkommnisse; kleinere Beschädigungen wie ausgerissene Gesangbuchseiten oder ein schlechter Scherz an Halloween vor zwei Jahren waren die Ausnahme.

Angst vor Kircheneinbrechern hat Pfarrer Mattes nicht. „Wir haben in beiden Kirchen keine größeren Kunstschätze.“ Lediglich die Sakristeien seien schon von Einbrechern heimgesucht worden. Da war die Reparatur der zerstörten Türen teurer als der Wert der Beute.

Quelle: op-online.de

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