Betrug oder bloß Unfähigkeit?

Mit „weißer Ware“ 400.000 Euro erschlichen

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Schon als Jugendlicher hatte der Angeklagte Küchengeräte vom Sperrmüll mitgenommen, repariert und weiter verkauft.

Rödermark - Die Geschichte vom Tellerwäscher, der als Millionär endet, gibt es in vielen Varianten. Unter manch eine ziehen Insolvenz und Justiz wenig traumhaft den Schlussstrich - so wie bei einem 35-jährigen Ober-Röder.

Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Darmstadt wirft ihm gewerbsmäßigen Betrug in 189 Fällen vor. Der Mann soll massenweise mit Haushaltsgeräten betrogen haben. Der Inhaber eines Hausgeräte-Handelsunternehmens mit Sitz in Ober-Roden soll von April bis Juli 2012 Geld von 189 Kunden genommen, die Ware aber nicht ausgeliefert haben. Im gleichen Zeitraum blieben zwei Großhändler 57 Mal auf ihren Rechnungen sitzen. Gesamtschaden beider Tatkomplexe: knapp 400.000 Euro.

Überdies stellte eine Betriebsprüfung für die Jahre 2008 bis 2010 fest, dass Einkommens-, Umsatz- und Gewerbesteuern nicht abgeführt wurden. Hier ist der Schaden mit rund 65.000 Euro vergleichsweise klein geblieben. Am 23. Juli 2012 stellte der bis dato sehr erfolgreiche Geschäftsmann einen Insolvenzantrag. Der Traum war erstmal aus geträumt, und hatte doch so hoffnungsvoll begonnen.

Schon als Jugendlicher holte sich der 35-jährige „weiße Ware“ vom Sperrmüll, reparierte die Geräte und verkaufte sie auf dem Flohmarkt. Das Metier war ihm von Kindheit an vertraut, auch sein Vater handelte mit gebrauchten Waschmaschinen und Elektroherden.

Nach dem Hauptschulabschluss baute er ohne Berufsausbildung sein Hobby weiter aus, ging in der Woche als Handelsvertreter von Tür zu Tür, stand am Wochenende weiterhin auf Flohmärkten. 1998 eröffnete er seinen ersten eigenen Laden in Eppertshausen. Wenige Jahre später folgten Filialen in Hanau, Bad Vilbel und Worms, die aber allesamt nicht richtig liefen - das Zauberwort der Jahrtausendwende hieß: Online-Handel. In den stieg der Geschäftsmann folgerichtig mit einem neuen Firmensitz in Ober-Roden ein, und der Erfolg gab ihm Recht. Aus einer Millionen Marl Jahresumsatz machte er in zehn Jahren zehn Millionen Euro, fuhr Sportwagen. Bis zu 18 Vollbeschäftigte und weitere freie Mitarbeiter hielten ihrem Chef den Rücken frei.

Vielleicht zu frei, wie der Angeklagte vor dem Richter über seinen Verteidiger einräumt. Rechtsanwalt Michael Simon zu den Steuervorwürfen: „Die Buchhaltung erledigte mein Mandant nicht selbst, er hat unter die Steuererklärung nur noch seine Unterschrift gesetzt. Dass da einiges nicht stimmt, war ihm so nicht bewusst.“

Auch zu den Vorwürfen der geprellten Kunden hat Simon eine Erklärung. Es sei richtig, dass Kunden auf ihrer Bestellung sitzen geblieben seien. Dies sei aber nicht mit Absicht geschehen. Grund seien Lieferverzögerungen des Herstellers gewesen. Ein Teil des per Vorkasse gezahlten Geldes sei auf Forderung der Kunden zurück geflossen, aufgrund finanzieller Engpässe im Frühjahr 2012 aber wohl nicht alles, was auch die offenen Rechnungen an die Lieferanten erklären soll.

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Warum ging es dem bis dato auf Expansionskurs befindlichen Unternehmen plötzlich schlecht? Diese Erklärung überlässt der Angeklagte nicht allein dem Anwalt. Der Einzelunternehmer: „In dieser Branche herrscht ein harter Kampf. Die Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH hat Anfang 2012 ihre Preise um über 30 Prozent erhöht. Da unser Online-Shop softwaretechnisch veraltet war, konnten wir die Verkaufspreise von tausenden Geräten nicht so schnell anpassen. Ich habe völlig den Überblick verloren, wir haben drauf gelegt!“

Zeitgleich hätten mehrere Hausbanken die Kreditlinie gekürzt. Er glaubt sogar an Absprachen unter seinen Großhändlern. „Die haben mich ausbluten lassen, wollten mich als Konkurrenz weg haben, weil ich günstiger war!“ so der Angeklagte. Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt.

gel

Quelle: op-online.de

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