Bewährungsstrafe für Wachmann

Alarmfahrt endet tödlich

Rödermark - Der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes überfährt in der Osternacht vor einem Jahr auf dem Gelände eines Ober-Röder Autohauses einen Dieb. Der Litauer erliegt seinen Verletzungen. Von Silke Gelnhausen-Schüßler 

Das Landgericht Darmstadt hat jetzt das Urteil gesprochen: 21 Monate Bewährungsstrafe für den Sicherheitsmann. Kein Totschlag, sondern Körperverletzung mit Todesfolge in einem minderschweren Fall: Zu diesem Schluss kommt die elfte Strafkammer des Landgerichts Darmstadt im Wachmann-Prozess. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner verurteilt den 32-jährigen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, der sich vorher nie etwas hat zuschulden kommen lassen, zu 21 Monaten Haft auf Bewährung.

Der Familienvater hatte in der Osternacht 2016 während eines Alarmeinsatzes einen Einbrecher auf dem Gelände eines Autohauses in Ober-Roden überfahren. Der 40-jährige Litauer starb zwei Stunden später im Krankenhaus an zentralem Regulationsversagen infolge einer Hirnblutung. Der Opel Meriva des Wachmanns hatte Kopf und Oberkörper überrollt.

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Die zentrale Frage an den zwei Verhandlungstagen in Darmstadt war, ob der Sicherheitsmann hätte rechtzeitig sehen können, dass der Autoknacker vor sein Fahrzeug lief, bevor dieses mit rund 35 Stundenkilometern ungebremst den Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück durchbrach. Die Antwort des Verkehrsgutachters dazu ist eindeutig: „Ja, er muss ihn gesehen haben.“ Die Fahrzeit der vermessenen Strecke bis zum Zaun betrug 3,6 Sekunden. Selbst in Panik sollte jeder Fahrer in dieser Zeit auf dem gut beleuchteten Gelände eine Person bemerken, die ihm vor das Auto läuft – und bremsen. Die Version des Wachmanns passte indes nicht so ganz zu dieser Theorie.

Zum zweiten Mal musste er in der Tatnacht zum Autohaus ausrücken, weil der Alarm ging. „Bei meiner Kontrollfahrt sah ich im Rückspiegel einen dunklen Mann von hinten auf mein Auto zu rennen. Ich fühlte mich verfolgt, hatte Angst und wollte nur noch weg!“ Der einzige Fluchtweg sei der durch den Zaun gewesen. Dann habe es geknallt. „Dass ich jemanden überfahren hatte, merkte ich erst beim Wenden des Autos“, sagt der sichtlich mitgenommene Angeklagte aus.

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Im Rahmen der Ermittlungen wurde die Szenerie bei gleichen Lichtverhältnissen nachgestellt, die Ergebnisse bilden die Grundlage des Gutachtens. Für das Gericht ist damit die Aussage des Verurteilten unglaubwürdig. „Wir gehen davon aus, dass der Wachmann die Autoknacker gesehen hatte und verfolgen wollte!“, so Richter Wagner. Staatsanwältin Barbara Sieger sieht den Fall genauso, rückt aber trotzdem vom Vorwurf des Totschlags ab. Sie fordert ein Jahr auf Bewährung.

„Das ist ein Verfahren, wo es einfach keine gute Lösung gibt, und es ist sehr schwierig, die passende Sanktion zu finden. Ich gehe von einer absoluten Überforderungssituation für den Angeklagten aus. Hier kam alles zusammen: Ein Einbruch, Panik, Fehlreaktionen.“ Der Wachmann ist den Tränen nahe, als er sich in seinem Abschlusswort bei der Familie des Opfers entschuldigt. Sie tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Der Berliner Anwalt der Familie fordert eine Verurteilung wegen Totschlags.

Verteidiger Hans Georg Kaschel sieht in dem zweiten Autoknacker einen wichtigen Zeugen und stellt einen Beweisantrag zur Vernehmung. Der wird jedoch abgelehnt. Die Vorladung wäre ohnehin ins Leere gelaufen, denn der zweite Autoknacker ist nach wie vor flüchtig. Man geht jedoch davon aus, dass es sich um einen ehemaligen litauischen Nachbarn des Opfers handelt. In seinem Schlussvortrag benennt Kaschel die Tat als fahrlässige Tötung und fordert Freispruch. Die juristische Begründung für diese ungewöhnliche Forderung – immerhin ist ein Mensch umgekommen – bleibt er schuldig. Bis zum Prozess arbeitete der Verurteilte nach wie vor in seinem Job. Ob er mit dieser Vorstrafe allerdings weiter in der Sicherheitsbranche tätig sein darf, ist fraglich.

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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