Bild-Schau unter freiem Himmel

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Norbert Cobabus (links) formulierte die Texte für die Stellwände, Rita Dutiné sammelte die Fotos.

Urberach - Zwei hölzerne Stellwände, daran befestigt vier große und vier kleine Tafeln mit Texten und Bildern, die fast 100 Jahre Industriegeschichte in Urberach zusammenfassen.

Eine in die Wand eingelassene Vitrine in Form eines Tastentelefons, gefüllt mit alten Telefonen und Schaltgeräten und eine Telefonzelle, in der eine Diaschau läuft: das ist das neue Dokuzentrum T&N.

Die „erste dauerhafte Open-Air-Ausstellung in Rödermark“, so Bürgermeister Roland Kern, wurde am Sonntag im Wohnzimmertheater von Friederike und Oliver Nedelmann eröffnet. Der sorgte mit Szenen aus seinem Kabarettprogramm „Kein Schwein ruft mich an!“ für unterhaltsame Momente zwischen vielen Grußworten.

„Endlich ist es soweit“, begrüßte der Historiker Norbert Cobabus die Gäste. Cobabus war maßgeblich verantwortlich für die Texte und bildet mit Oliver Nedelmann und Eduard Dutiné das Führungstrio des Vereins, der sich vor Jahren gegründet hatte, um die Geschichte am Ort des Geschehens zu dokumentieren.

In der Telefonzelle läuft eine Dia-Schau.

Aus historischen Gründen hätte Cobabus die Ausstellung gerne schon im März eröffnet, wie er bekannte: Vom 1. März 1907 datiert ein Brief der Frankfurter Firma Bloch & Hirsch an die Gemeinde Urberach wegen des Erwerbs von Gelände. Im März 1995 beschloss die Führung des Bosch-Konzerns, das Urberacher Werk zu schließen.
Ältester Gast war Johannes Dries, Jahrgang 1914, der 36 Jahre lang eine führende Position im Urberacher T&N-Werk einnahm. Der Ingenieur, der 1978 in den Ruhestand ging, dankte für das Dokuzentrum und plauderte gern aus dem historischen Nähkästchen.

Alfons Keck, der das 1996 aufgegebene Bosch-Werk vermarktet, blickte zurück auf die ersten Anfänge der Dokuzentrum-Idee und gescheiterte Versuche, die Geschichte des Ortes ansprechend zu präsentieren. Umso mehr freute er sich, dass dies nun gelungen sei. Dass an der Idee festgehalten wurde, sei im Wesentlichen den Nedelmanns zu verdanken, meinte Keck. Er erinnerte aber auch daran, dass es Ehrenbürgermeister Alfons Maurer gewesen sei, der das ehemalige Verwaltungsgebäude und den Torbogen von Anfang an für tabu erklärt habe.

Maurer selbst grüßte als Vorstandsmitglied des Hauptsponsors, der HSE-Stiftung. Er bekannte, stets an diese Idee geglaubt zu haben. Er habe aber auch gemerkt, wie schwierig es gewesen sei, sie durchzusetzen. „Wir leben in unsrer Geschichte, und deshalb ist es gut, dass es dieses Dokuzentrum gibt“, betonte Maurer. Die Schließung des Telenorma-Werks zu Beginn seiner Amtszeit sei eine „Riesenkatastrophe“ gewesen. Heute könne man stolz darauf sein, wie sich das Areal entwickelt habe.

Das ehrenamtliche Engagement der Ausstellungsmacher hob Manfred Nessler, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Dieburg, hervor. Die 10000 Euro, die die Jubiläumsstiftung der Sparkasse beigesteuert hatte, stockte Nessler spontan um 500 Euro auf. „Die T&N hat die Menschen hier verbunden“, sagte Patricia Lips, die Vorsitzende des personell mit dem Verein Dokuzentrum eng verbundenen Heimat- und Geschichtsvereins. Gebäude, Torbogen und die frühere Werksuhr seien identitätsstiftende Merkmale für Urberach.

Von einer „kulturellen Leistung besonderer Art“ sprach Bürgermeister Roland Kern, zumal mit dem Dokuzentrum ein „öffentlicher Raum auf privatem Grund“ geschaffen werde. Dass dies möglich gewesen sei, „das sieht Oliver und Friederike Nedelmann wieder ähnlich“, betonte Kern, der die beiden als „Glücksfall Nummer eins“ für das Projekt bezeichnete. Mitgemacht habe derjenige, der für das Eigentum heute verantwortlich sei, nämlich Alfons Keck: „Glücksfall Nummer zwei“. Das Wissen um die Geschichte einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen, dazu bedürfe es Menschen wie den Historiker Norbert Cobabus: „Glücksfall Nummer drei“. Und schließlich brauche man „hervorragende Zeitzeugen und Mitmacher wie Johannes Dies, Eduard Dutiné oder Walter Faust“: „Glücksfall Nummer vier“.

Die beiden frei zugänglichen Ausstellungswände und Vitrinen können jederzeit besucht werden. Die Diaschau in der Telefonzelle ist bis Ende Oktober an jedem Sonntag zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet, ansonsten nach Vereinbarung. Der Verein Dokuzentrum würde gerne noch eine zusätzliche Vitrine bestücken. Es fehlen aber noch einige kleinere Dinge für die Ausstellung. Deshalb ruft der Vorstand zu weiteren Spenden auf. Ansprechpartner ist Oliver Nedelmann, s  06074 4827616.

Quelle: op-online.de

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