Bittgang wird Triumphzug

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Hinterm Umspannwerk im Breidert verlassen die Pilger Rödermärker Gebiet und laufen Richtung Babenhausen, die Fahne – seit Jahren getragen von Norbert Rink – vorweg.

Ober-Roden - Mit feuchten Füßen vom nächtlichen Dauerregen, aber einem sonnenbeschienenen Kopf, mit kleinem Gepäck und dem Gebetbuch oder dem Rosenkranz in der Hand und mit einem Gebet oder einer gesungenen Litanei auf den Lippen: So entschwanden am Montag um 5.50 Uhr in der Früh die 91 Fußwallfahrer der Nazarius-Gemeinde aus der Rödermärker Gemarkung und machten sich auf ihren rund 55 Kilometer langen Pilgerweg zum „Heiligen Blut“ nach Walldürn. Von Christine Ziesecke

Heute werden sie in Ober-Roden zurück erwartet. Wer die große Gruppe strammen Schrittes vorbeilaufen sieht, lächelt meist etwas mitleidig - warum tut sich ein Mensch so etwas an? Sind es nur die ganz Frommen, die drei Tage lang zum Lobe des Herrn und im Gebet für die großen und kleinen Nöte der Menschen unterwegs sind? Was manchem beim Start wie ein Bußgang vorkam, wird heute ab 18.30 Uhr fast ein Triumphzug vom Kreuz in der Babenhäuser Straße zur St. Nazarius-Kirche. Begrüßt vom Musikverein Viktoria 08, werden die meisten Pilger zwar körperlich etwas erschöpft, aber seelisch entspannt zurückkommen.

Sie haben dann viel Bewegung in der Natur, geistliches Auftanken und eine gute Gemeinschaft keineswegs nur bigotter alter Frömmler hinter sich: Die älteste Fußpilgerin ist wieder einmal Eva Schultheiß mit ihren 83 Jahren, doch Christian Gotta (18) ist keineswegs allein als Teeny.

„Früher“, so berichtet Wallfahrer-Chef Hans Rebel, „pilgerten da wirklich nur die ganz Getreuen. Die Jungen liefen höchstens einmal und dann nie wieder mit. Aber heute sind wir eine bunt gemischte Gruppe von Menschen wie jeder andere auch und wollen auch nix anderes sein, schon gar keine Gruppe für uns, wie es früher war.“

Nicht wie zu Zeiten einer Lene Herdt, die schon 50 Jahre lang bei Wallfahrten im herkömmlichen Stil mitgepilgert war und nach einer etwas lockereren Gestaltung durch Kaplan Münch dann auch aussprach, was sie empfand: „Den neumodischen Kram machen wir nicht mit!“ - sprach's und fuhr ab 1978 mit dem Bus.

Pfarrer Elmar Jung ist in diesem Jahr nicht dabei. Er hat als alleiniger Seelsorger zu viel in der Gemeinde zu tun, kommt aber heute mit einer großen Gruppe Ober-Röder Pilger mit dem Bus nach und wird auch um 6.45 Uhr das Pilgeramt in Walldürn abhalten. Weiß er die Wallfahrer doch in guter Hand, nämlich zum 39. Mal in der von Hans Rebel.

- Die Wallfahrt „Zum Heiligen Blut“ in Walldürn geht auf das Jahr 1330 zurück.

- Der Priester Heinrich Otto stieß während der Messe den Kelch mit geweihtem Wein um. Auf dem Altartuch zeichnete sich der Legende nach das Bild des gekreuzigten Jesu ab.

- Die Ober-Röder Katholiken pilgern seit mehr als 300 Jahren nach Walldürn.

Diesmal soll es wirklich das letzte Mal sein, dass er vornweg marschiert, überzeugt er sich mit kräftiger Stimme selber. Zweimal hatte er schon „das letzte Mal“ verkündet, und doch war er immer wieder schwach geworden, wenn's an die Vorbereitung und die fehlenden Köpfe dafür ging. „Aber jetzt ist endlich Schluss! Ich laufe noch mit und ich helfe auch, wenn's gebraucht wird“, sagte Rebel. Aber die Leitung gibt er in jüngere Hände. „Wir haben Leute, die das ab Donnerstag definitiv übernehmen!“ Eine Zwischenlösung mit zwei Frauen war nicht zustande gekommen, sodass Hans Rebel einfach immer weiter gebraucht worden war. Jetzt soll ihn ein reines Männerteam um den nominellen Leiter Klaus Brehm ablösen, der Alfons Gotta, Werner Gotta, Arno Lang, Michael Reisert und Martin Schallmayer zur Seite stehen hat, dazu Toni Rebel und Alfons Weber, die auch jetzt schon Hans Rebel bei der Vorbereitung geholfen haben.

Quelle: op-online.de

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