Rödermärker kaufen zu oft auswärts ein

Wie bleibt das Geld in der Stadt?

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Im Urberacher Märktezentrum füllen viele Kunden ihre Einkaufswagen und -taschen. In den Ortskernen bröckeln laut aktuellem Einzelhandelskonzept die Umsätze.

Rödermark - Ein Rödermärker hat fast elf Prozent mehr Geld in der Tasche als der Durchschnitts-Bundesbürger. Aber ihm fehlen offenbar die Geschäfte, in denen er seine Euro ausgeben kann. Von Michael Löw

Pro potenziellem Einkäufer gibt’s nur 1,32 Quadratmeter Verkaufsfläche, in vergleichbaren Städten liegt dieser Wert bei zwei Quadratmetern. Braucht Rödermark mehr Geschäfte? Und wenn ja: welche? Ein Einzelhandelsgutachten sucht Lösungen und analysiert Stärken und Schwächen. Der Zentralitätswert 77 ist für Fachleute unbefriedigend und für Laien unverständlich. Für den Rödermärker Handel ist er teuer: 39,9 Millionen Euro gehen ihm pro Jahr durch die Lappen, weil potenzielle Kunden ihr Geld in Nachbarstädte tragen oder auf die Konten von Onlineshops überweisen. Von 173,2 Millionen Euro Kaufkraft bleiben nur 133,3 Millionen Euro im Ort. Das hat das Dortmunder Büro „Stadt + Handel“ im Einzelhandelskonzept ausgerechnet.

Die gut 20.000 Euro teure Expertise empfiehlt Politik und Wirtschaft zwei Dinge: Stärkung der Ortszentren und Stärkung der Nahversorgung. Die Verfasser geben indes keine Ansiedlungshinweise vom Kaliber „Nur ein Media Markt bringt Kunden“, sondern skizzieren die stadtplanerischen Bedingungen für ein vitaleres Geschäftsleben. Typisch dafür sind die vielen kleinen Geschäfte, in denen der Inhaber noch selbst an der Kasse steht. Diese Struktur ist neben der hohen Kaufkraft seiner Bürger einer der größten Rödermärker Pluspunkte. Einige zentrale Aussagen aus mehr als 100 Seiten Einzelhandelskonzept im Überblick:

GESCHÄFTE UND VERKAUFSFLÄCHEN: Das Büro „Stadt + Handel“ kommt für das Jahr 2016 auf 151 Betriebe mit zusammen 35.600 Quadratmetern. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Einzelhandelskonzept von 2009: 160 Geschäfte und 36.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Mehr als die Hälfte davon - nämlich 19.840 Quadratmeter - ballt sich im Märktezentrum in Urberach. Die 29 meist inhabergeführten Geschäfte im alten Ort bieten Waren und Dienstleistungen auf 1 730 Quadratmetern an, die 36 Ober-Röder Kollegen haben 2360 Quadratmeter zur Verfügung. Nach Ansicht von „Stadt + Handel“ ist Rödermark flächenmäßig unterversorgt: Pro Einwohner gibt’s nur 1,32 Quadratmeter Laden. In anderen Mittelzentren - als solches bewerten die Gutachter Rödermark - sind’s etwas über zwei Quadratmeter.

Spezialisten locken auch Auswärtige nach Rödermark. Da spielt die Konkurrenz aus dem Internet keine große Rolle.

GELDSTRÖME: 133,2 Millionen Euro erwirtschaftet der Rödermärker Einzelhandel pro Jahr. In Relation zur Kaufkraft von 173,2 Millionen Euro ergibt das den eingangs erwähnten Zentralitätswert von 77 Prozent. Das meiste Geld, 65,8 Millionen Euro, geben die Rödermärker für Nahrungs- und Genussmittel im Ort aus. Das sind stolze 96 Prozent des ihnen dafür zur Verfügung stehenden Geldes. 13,3 Millionen Euro klingelten in den Kassen von Drogerien, Parfümerien und Apotheken. Das bedeutet Platz zwei beim Umsatz und mit 123 Prozent auch Platz zwei beim Zentralitätswert. Mehr auswärtiges Geld bringen in Prozenten gerechnet (141) Leuchten und Elektrohaushaltsgeräte nach Rödermark. Mit 7,4 Millionen Euro ist der Umsatz insgesamt aber deutlich geringer. Die schlechtesten Zentralitätswerte registrierte „Stadt + Handel“ bei Heimtextilien (0,4 von 1,9 Millionen Euro, 21 Prozent) und der Unterhaltungselektronik (2,2 von 13 Millionen Euro, 17 Prozent) Umso bemerkenswerter ist die Schlussfolgerung, dass die Ansiedlung eines großen Elektronikmarktes in der Stadt nicht rentabel ist.

KUNDENWÜNSCHE: Die Urberacher sind mit dem Angebot im alten Ort offenbar zufriedener als die Ober-Röder. 22 Prozent der 235 Befragten gaben an, dort häufiger einzukaufen als vor drei Jahren. Das taten nur 12 Prozent der Ober-Röder. 43 Prozent geben dagegen weniger Geld als vor drei Jahren im Zentrum von Ober-Roden aus. Was aber fehlt vor der Haustür? Knapp ein Viertel der 165 interviewten Ober-Röder nannte Lebensmittel. 18 Prozent vermissten Kleidung, 14 Prozent Schuhe und 13 Prozent Drogeriewaren. Die Urberacher Rangliste ist ähnlich, spiegelt allerdings die größere Zufriedenheit wieder: Nur 15 Prozent wünschen sich weitere Lebensmittelgeschäfte.

Bilder: Frühlingsmarkt in Rödermark

IDEEN: Zur Stärkung der Ortskerne schlägt „Stadt + Handel“ unter anderem vor, was Politik und Gewerbe schon seit Jahren ohne Ergebnis diskutieren: Geschäfte und kleinere Märkte mit Waren für den täglichen Bedarf („zentren- und nahversorgungsrelevante Sortimente“), die viele Kunden zu Fuß erreichen können. Die Gutachter schreiben aber auch, dass das Ansiedlungspotenzial für kleinere Lebensmittelmärkte begrenzt ist. Konkreter wird das Einzelhandelskonzept für die kleinen Stadtteile. Im Breidert, in Waldacker, Messenhausen und auf der Bulau sind Hofläden, Verkaufswagen und der Aufbau eines Liefer- und Bestellservices denkbar.

ERKENNTNISSE: Das kleine Ober-Röder Märktezentrum in der Odenwaldstraße ist „grundsätzlich ausreichend, kann aber behutsam fortentwickelt werden“, folgert Bürgermeister Roland Kern aus dem Gutachten. Dort wird momentan ein Drogeriemarkt gebaut. Raum für Einzelhandel sieht Kern östlich der Babenhäuser Straße - sofern ein Grundstück verfügbar ist. Die Politik müsse die Standortwahl von Investoren in zwei Richtungen steuern: Neue und alte Geschäfte sollen Gewinn bringen. Gleichzeitig darf die Stadt weder Konkurrenz fernhalten noch Markenprotektionismus betreiben.

Quelle: op-online.de

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