Blind dem Pkw-Navi vertraut

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Zwangspause auf dem Seitenstreifen: Rödermarks Ordnungspolizei stoppte gestern in Urberach Lastwagen und überprüfte, ob die Fahrer gegen das Lkw-Durchfahrverbot verstießen.

Urberach ‐ Versteht er uns wirklich nicht oder tut er nur so? Das fragen sich Jürgen Frühwacht und Udo Burghart, als der Brummifahrer aus Italien ein ums andere Mal bedauernd die Schultern zuckt. Von Michael Löw

Die Ordnungspolizisten haben seinen 40-Tonner gestern morgen an die Seite gewunken: Darf er durch Urberach fahren oder nicht, schließlich gilt seit Jahren schon ein Durchfahrverbot für Lastwagen über vier Tonnen auf Traminer und Konrad-Adenauer-Straße. 15 Lkw kontrollieren Frühwacht, Burghart und zwei weitere Kollegen vom Ordnungsamt innerhalb von zweieinhalb Stunden kurz hinter dem Urberacher Ortsschild. Sieben sind „Anlieger“, acht verstoßen gegen das Durchfahrverbot. Die Männer am Steuer müssen 20 Euro Verwarnungsgeld zahlen, die meisten tun‘s im Bus der Stadtpolizisten gleich in bar.

Maut und Staus auf den Autobahnen A 3, A 5 und A 661 machen die B 486 zu einem beliebten Schleichweg für den Schwerverkehr. In den neunziger Jahren haben die Kommunen entlang der Bundesstraße beziehungsweise ihrer Ortsdurchfahrten Verbotsschilder aufgestellt - wenn auch keine einheitlichen. In Urberach sind vier Tonnen die Obergrenze, in Langen 3,8 Tonnen. In Offenthal ist eine Hauptstraße für Lkw mit Anhänger oder Sattelauflieger gesperrt.

Fahrer schauen lieber auf den Bildschirm

„Viele fahren mit einem Pkw-Navi, und das lotst sie dann hier durch“, will einer der Kontrolleure den Verkehrssündern nicht einmal bösen Willen unterstellen. Die Fahrer schauen wohl lieber auf den Bildschirm, dem Tonnage-Grenzen fremd sind, als auf die Schilder am Straßenrand.

Der Italiener in seinem weißen Sattelschlepper ist so ein Kandidat. Brav zeigt er außer Führerschein und Fahrzeugpapieren auch den Bildschirm seines Navigationsgerätes, der Maintal als Ziel und Urberach als Etappenort angibt. Dann jedoch fängt das große Nichtverstehen an: Die Ordnungspolizisten kriegen inklusive der Quittung für die Autoversicherung so ziemlich alles Gedruckte zu sehen, was der Mann an Bord hat. Schließlich malt er sogar. Dank behördlicher Kreativität erkennen Frühwacht und Burghart ein Verkehrszeichen mit zwei Vieren und einen grob skizzierten Laster mit einer 16 auf der Ladefläche. Was das aber soll, bleibt ihnen zunächst verborgen.

Eine geschlagene Viertelstunde dauert die Prozedur nun schon, der Zeitverlust schmerzt den Italiener sicherlich mehr als das drohende „Knöllchen“. Frühwacht erreicht einen Kollegen im Bürgerbüro, der übers Handy dolmetscht: Der Lkw-Fahrer will an der B 45 ein Verbotsschild, das für Autos ab 44 Tonnen gilt, gesehen haben und glaubt sich im Recht, weil er nur 16 Tonnen geladen hat. Am Ende zahlt er seine 20 Euro, und Frühwacht stöhnt: „Man müsste einen Vordruck haben, auf dem der Grund unserer Kontrolle in allen Sprachen steht!“

Kontrolle gestern war die zweite in diesem Jahr

Die übrigen 14 kontrollierten Lkw-Fahrer haben den Ordnungspolizisten die Arbeit übrigens nicht so schwer gemacht. Einer erhielt noch eine Mängelrüge, weil die Bremsen seines Lasters nicht in Ordnung waren.

Die Kontrolle gestern war die zweite in diesem Jahr, erläuterte Stephan Brockmann, der stellvertretenden Leiter des Ordnungsamtes. Acht „Knöllchen“ seien vergleichsweise viel. Das entspreche einem Anteil von mehr als 50 Prozent. Im Schnitt liege der Anteil der ertappten Sünder zwischen 25 und 30 Prozent.

Das Durchfahrverbot und seine Überwachung waren Ende 2008 zu einem Politikum geworden. Die SPD hatte Anwohnerklagen auch aus Seitenstraßen zum Anlass genommen, schärfere Kontrollen des Schwerverkehrs zu fordern. Bürgermeister Roland Kern sagte mindestens eine pro Monat zu. Ende 2009 waren‘s dann insgesamt 15. Diese Zahl peilt die Ordnungspolizei auch 2010 an.

Quelle: op-online.de

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