Bohrer füttert Bakterien

+
Mit Bohrungen in bis zu 30 Meter Tiefe bereiten Thomas Equit (links) und Burkhart Schramm den Boden für die Injektion der Melasse vor.

Urberach ‐ Was Regierungspräsidium Darmstadt (RP) und Bosch derzeit auf dem Parkplatz des Märktezentrums testen, hat Pilotcharakter für die weltweit rund als 400 Altlasten des Konzerns. Von Michael Löw

Bakterien, die ohnehin im Boden leben, sollen das Grundwasser biologisch und vergleichsweise billig von Chlorkohlenwasserstoffen befreien. Dazu wird „Nahrung“ ins Erdreich injiziert. Erledigen die Mikroorganismen ihre Arbeit in Urberach ordentlich, will Bosch das Verfahren exportieren, erläuterte Geologe Stefan Eschbach, der im Unternehmen fürs Flächenmanagement - und damit für alle Sanierungsobjekte - verantwortlich ist.

Lösungsmittel, die jahrzehntelang bei der Produktion von Telefonapparaten versickerten, haben das Grundwasser unterm Telenorma-Werk verdreckt. Die Schadstoffbelastung schwankt zwischen 10 und 100 000 Mikrogramm je Liter. Ein Mikrogramm ist der millionste Teil eines Gramms, eine eigentlich unvorstellbar winzige Menge. Doch selbst dieser Schadstoffgehalt ist zu viel. Anke Uhl, Biologin im RP, hat Bosch ein Sanierungsziel von20 Mikrogramm vorgeschrieben.

Der Konzern hat sein Urberacher Werk 1996 geschlossen, angeblich stimmte die Rendite nicht mehr. Über 800 Menschen, die hier bislang ihr Geld verdient hatten, verloren ihren Job oder wurden nach Frankfurt versetzt.

Im bisherigen Sanierungserfolg liegt das Problem

2001 begann die Altlastsanierung. Bosch hat seither rund 250 Kilogramm Lösungsmittel allein aus dem Grundwasser gefiltert. Im Zuge der Bodensanierung wurden unter dem früheren Ölkeller 800 Kilo Lösungsmittel entfernt. Unter dem zweiten stark verschmutzten Bereich, die Grundstücksgrenze zur Straße Am Schwimmbad hin, dürften etwa 600 Kilo gelegen haben. 3,8 Millionen Euro hat Bosch für die Reinigung von Erdreich und Grundwasser ausgegeben.

Und im bisherigen Sanierungserfolg liegt das Problem. Eschbach: „Je mehr Schadstoffe wir schon rausgeholt haben, desto teurer wird die Reinigung des Restes.“ Unternehmen und Behörde suchten eine billigere Lösung und sind sicher, sie mit den Bakterien gefunden zu haben.

„Wir aktivieren die Selbstheilungskräfte im Erdreich“, bringt Dr. Roger Schmidt vom Darmstädter Umweltdienstleister Arcadis ein kompliziertes Verfahren auf den Punkt. Mittels Bohrungen wird Melasse, ein ungefährlicher Rest aus der Zuckerproduktion, in den Boden gebracht. Schmidt zieht einen zweiten, leicht verständlichen Vergleich: „Melasse ist im Grafschafter Goldsaft enthalten, den man sich aufs Frühstücksbrot schmiert.“

Unter dem Telenorma-Gelände dient Melasse als Nahrung für jene Bakterien, die die giftigen Chlorkohlenwasserstoffe in unschädliche Verbindungen aufspalten. Das Telenorma-Werk ist für Bosch „schadensmäßig mittelmäßig“, erläuterte Altlastenspezialist Stefan Eschbach. In den USA, Indien oder China muss er sich mit weit höheren Belastungen herumschlagen.

Der Versuch in Urberach könnte ihm die Arbeit leichter machen - sofern die mit Melasse gestärkten Bakterien nur genug Appetit entwickeln.

Quelle: op-online.de

Kommentare