„Zoff kann jeder“

Bürgermeister Roland Kern im Interview

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Von 1982 bis 1985 war Roland Kern Vizepräsident des Hessischen Landtags, von 1991 bis 1998 gehörte er dem Hessischen Staatsgerichtshof an. Seine grünen Parteifreunde gratuliertem dem Landespolitiker Kern mit einem Apfelbäumchen für den Garten. Wenn er Ende Mai 2017 als Bürgermeister aufhört, will er ein zweites Apfelbäumchen in seinem Garten pflanzen.

Rödermark - Mit neun Amtsjahren ist Roland Kern einer der dienstältesten grünen Bürgermeister Hessens. Sein Wahlsieg am 6. März 2005 wirbelte die Politik im schwarzen Rödermark durcheinander.

Anfangs regierte der langjährige Oppositionsführer gegen eine CDU/FDP-Mehrheit in Magistrat und Parlament. Im Sommer 2011 bildeten CDU und AL eine Koalition. Seither hat der Bürgermeister eine satte Mehrheit hinter sich. Roland Kern wird am 3. November 67 Jahre alt, darf sich also kein drittes Mal zur Wahl stellen. In der Mitte seiner zweiten Amtszeit traf er sich mit Rödermark-Redakteur Michael Löw zum Sommer-Interview im Garten.

Wie haben Sie sich vor einem Jahr gefühlt?

Überwiegend gut.

Und wie fühlen Sie sich heute?

Noch besser. Mein gebrochenes Bein ist wieder in Ordnung. Der Urlaub kann kommen.

Sie sind also gern Bürgermeister von Rödermark?

Absolut. Das Ding liegt mir irgendwie.

Wie hat Roland Kern in den vergangenen neun Jahren Rödermark verändert, wie hat Rödermark seinen Bürgermeister verändert?

Ich konnte dazu beitragen, dass Verkrustungen weiter aufbrachen und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger für ihre Stadt aktiviert wurde. Ich selbst entwickele mich zu meiner eigenen Überraschung gerade zum Radfahrer.

Welcher Moment hat sie stolz gemacht, Bürgermeister dieser Stadt zu sein?

Solche Momente gab’s schon einige; zuletzt, als zwei nette Menschen, die sich im SchillerHaus kennenlernten, vor mir die Ehe geschlossen haben und in der Weidenkirche getraut wurden.

War das Hickhack um den Thälmannweg Ihr rotester - pardon: schwärzester - Moment an der Spitze von Magistrat und Verwaltung?

Hab’n Se’s nicht ‘ne Nummer kleener? Da ist ja alles Richtige und Falsche gesagt. Ich verbuche das in der Rubrik „Lebenslanges Lernen“: Was nicht vermittelbar ist, sollte unterbleiben. Und man muss richtig erkennen, wann Entscheidungen nur dann angemessen sind, wenn sie von allen mitgetragen werden.

Kritiker - und da nehme ich unsere Zeitung nicht aus - werfen Ihnen immer wieder vor, mehr Moderator als Macher zu sein. Ficht Sie das überhaupt noch an?

Ich danke für das wiederholt vorgetragene Kompliment und frage Sie, was schwerer ist: Eine Dynamitschnur zu zünden oder ein Haifischbecken zu moderieren? Zoff kann jeder. Schon bei meiner Amtseinführung habe ich dazu aufgerufen, sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren und an deren Umsetzung zu arbeiten.

Schnelles Internet, Verkehrsentlastung für Urberach, Fluglärm, Aufwertung von Ober-Rodens Norden: Fortschritte sind nicht wirklich sichtbar...

Sie benennen Punkte, wo wir für Fehlentscheidungen anderer herhalten müssen: Für das Marktversagen der Netzbetreiber sollen die Kommunen blechen. In Sachen Verkehrsentlastung mussten wir eine Klage gegen das Land, beim Fluglärm eine Klage gegen den Bund führen. Im Ober-Rodener Norden haben wir eine Bauleitplanung beschlossen mit dem Ziel, die Privatgrundstücke nicht weiter vergammeln zu lassen und die Flächen einer sinnvollen Nutzung zuzuführen.

Fortschritte macht dagegen die Sanierung des Haushaltes. Haben Sie mit dieser positiven Entwicklung gerechnet, als Sie voriges Jahr das Amt des Kämmerers übernahmen?

Wenn ich nicht damit gerechnet hätte, hätte ich den Konsolidierungsvertrag nicht mitunterschrieben. Bedeutende Fortschritte gibt es insbesondere auch in der Kinderbetreuung, der Stadtplanung, der Wirtschaftsförderung und der Integration.

Muss nicht langsam auch die Stadt liefern? Die Bürger haben unter anderem mit höheren Grundsteuern und steigenden Kindergartengebühren ihren Beitrag zur Konsolidierung geleistet.

Roland Kern versteht es zu genießen - sowohl Macadamia-Nüsse und rheinhessischen Grauburgunder als auch das Amt des Rathaus-Chefs.

Die Gegenüberstellung „Hier die Stadt - da die Bürger“ ist doch völlig verfehlt. Alle Entscheidungsträger - egal ob haupt- oder ehrenamtlich - wie auch die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ebenfalls Bürger dieser Stadt und von den finanziellen Auswirkungen in gleicher Weise betroffen. Und wenn wir in den Verwaltungsbereichen kürzen, rennen uns die Leute die Bude ein, weil weniger Kontrollen stattfinden, es an der Grünpflege mangelt und die Straßen nicht schnell genug ausgebessert werden. Weniger Personal muss immer mehr Arbeit verrichten. Das hat sogar schon gesundheitliche Auswirkungen.

Apropos Kindergartengebühren: Sind Sie neidisch auf Ihren Rodgauer Kollegen Jürgen Hoffmann?

Das „System Rodgau“ müsste landesweit gelten. Alles andere erntet mein Unverständnis.

Und trotzdem wurden in Ihrer Amtszeit die Gebühren zweimal erhöht: Ende 2012 um 15 bis 25 Prozent, zum Herbst 2014 jedes Jahr um weitere drei Prozent.

Ja, nachdem sie über zehn Jahre konstant geblieben waren und mit ordentlicher Beteiligung der Eltern. Dadurch können wir jetzt die Erzieherinnen besser bezahlen.

Seit 2011 regiert Grün-Schwarz Rödermark mit einer Dreiviertel-Mehrheit. Das macht dem Bürgermeister die Arbeit leicht, doch tut das der Politik gut?

Es gab noch nie eine bessere politische Konstellation für unsere Stadt als die jetzige. Ich erinnere nur an die fünf oder sechs Entscheidungen der früheren Stadtverordnetenversammlung, gegen die ich Widerspruch erhoben habe. Aber der Bürgermeister hat jetzt nicht weniger Arbeit als vorher. Er ärgert sich nur nicht so oft über schlechte Entscheidungen. Und wer die Stadtpolitik genau beobachtet, muss bestätigen, dass Offenheit, Fairness und demokratisches Verfahren die Meinungsbildung prägen.

Sagen Sie uns doch bitte drei kurze Sätze zu Ihren Stellvertreter, dem christdemokratischen Ersten Stadtrat Jörg Rotter.

Wir vertrauen uns. Die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet. Er hat ein Feeling für die Stadt und nimmt jede neue Herausforderung an.

Die Spatzen pfeifen’s von den Dächern: Der christdemokratische Erste Stadtrat Jörg Rotter wird der nächste Bürgermeister. Nach soviel Lob ist er doch der ideale Nachfolger...

Ich würde ihm dazu von Herzen gratulieren. Aber die Menschen haben auch immer wieder gerne eine Auswahl.

Welche grüne Politikerin, welcher grüner Politiker hat ernsthafte Chancen gegen Rotter, der seine Arbeit recht ordentlich macht und bürgermeisterlich repräsentiert?

Das ist unfair. Ich habe nur vier Zeitungszeilen zur Verfügung.

Sie bekommen Extra-Platz!

Nehmen Sie die Liste der AL für die Kommunalwahl 2011 in alphabetischer Reihenfolge rückwärts.

Noch hat Rödermarks künftiger Bürgermeister mehr als zwei Jahre Zeit, sich warmzulaufen. Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer verbleibenden Amtszeit?

Es wird noch einige schöne Ereignisse geben. Und an meinem letzten Arbeitstag, dem 31. Mai 2017, will ich noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Quelle: op-online.de

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