Internist im Interview

Arzt aus Rödermark berichtet über Corona-Krise: Auch 40-Jährige hat er sterben gesehen

Ein Arzt aus Rödermark berichtet, wie er die Corona-Krise wahrnimmt.
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Ein Arzt aus Rödermark berichtet, wie er die Corona-Krise wahrnimmt.

Dr. Stephan Orlemann arbeitet als Internist und kämpft in Rödermark gegen die Corona-Krise. Er musste auch junge Patieten sterben sehen.

Rödermark - Das Jahr Eins der Pandemie geht zu Ende. Bis zum 30.12.2020 hatten sich fast 1,6 Millionen Deutsche mit dem Corona-Virus infiziert, mehr als 32 000 Menschen starben an Covid-19 – so heißt die Krankheit. In Rödermark im Kreis Offenbach sind aktuell 72 Corona-Fälle registriert, das sind deutlich weniger als zu den Spitzenzeiten vor wenigen Wochen. Grund zur Entwarnung ist das aber längst noch nicht.

Arzt in Rödermark: Klare Distanzierung von „querdenkenden“ Medizinern

Der Ober-Röder Internist Dr. Stephan Orlemann sieht die Corona-Pandemie aus zwei Perspektiven: einmal aus seiner Praxis im Breidert, zum anderen als Sprecher des medizinischen Qualitätszirkels Rodgau, Rödermark und Eppertshausen. Ihn schmerzen Ärzte, die die Gefahren der Pandemie leugnen und Schutzmaßnahmen ablehnen. Dr. Stephan Orlemann hat einen Aufruf unter den Medizinern der Region gestartet, die sich von diesen „Querdenkern“ distanzieren. Mehr als 60 Kollegen, darunter mehrere Klinik-Chefs, haben unterschrieben.

Herr Dr. Orlemann, Sie sind Allgemeinmediziner und Leiter des regionalen Ärzte-Qualitätszirkels. Wie haben Sie die vergangenen fast zehn Monate erlebt? Fangen Sie doch der Einfachheit halber mit den Erfahrungen aus Ihrer Praxis an.

Zunächst bin ich kein Hausarzt, sondern Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Gastroeneterologie und Ernährungsmedizin. Ich habe in den letzten Wochen natürlich zunehmend Patienten mit Covid-19 gesehen. Zudem behandeln wir sehr viele, vorwiegend junge Patienten, die Aufgrund von Erkrankungen starke immunsupprimierende Medikamente (Substanzen, die die Funktionen des Immunsystems vermindern, Anmerkung der Redaktion) bekommen, des Weiteren haben wir Tumorpatienten zur Chemotherapie. Diese Patienten sind also besonders gefährdet. In den letzten Wochen hatte ich auch einige wirkliche junge Patienten ohne Riskofaktoren zur Diagnostik nach „überstandener“ Covid 19-Erkrankung. Bei ihnen bestehen weiterhin Luftnot und eine erhebliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit. Zwei Patienten mit Anfang 40 und Anfang 50 sind gestorben.

Bezieht klar Position: Dr. Stephan Orlemann hat einen Aufruf gegen „Kollegen“, die Corona herharmlosen, gestartet. 65 namhafte Mediziner haben bisher unterschrieben.

Um Corona keine Chance zu geben: Wer keine Maske trägt, muss draußen bleiben

Was waren die besonderen Herausforderungen für Sie und Ihr Team? Und damit meine ich nicht nur Abstandsregeln & Co., sondern auch die psychischen Belastungen.

Die Ungewissheit über die Erkrankung und die fehlenden Schutzmaßnahmen in den ersten Monaten der Corona-Pandemie waren sehr belastend. Dies hat sich jetzt doch gebessert. In den Sommermonaten war es einfacher, die Patientenzahl in der Praxis zu beschränken; jetzt ist es schwierig, aber umso notwendiger. Das führt dazu, dass Patienten im Freien vor der Tür stehen. Natürlich kommen auch Patienten ohne Maske, mit nicht geeigneten Masken, mit Visieren beziehungsweise mit „Attesten zur Befreiung der Maskenpflicht“ in die Praxis. Diesen bieten wir eine Maske an (mit Hinweis auf die Gefährdung unserer anderen Patienten). Wird dies nicht angenommen, dürfen die Patienten nicht in die Praxis.

Und wie sieht’s mit der persönlichen Belastung aus?

Wir haben acht bis zehn Stunden am Tag eine FFP2- Maske an und hatten auch im Hochsommer Schutzkittel bei der Untersuchung an, was doch sehr anstrengend und ermüdend ist. Privat leiden wir natürlich wie alle anderen auch an den Regeln bezüglich Kontakte und Abstand. Durch die Maske gehen mir im Gespräch durch die nicht sichtbare Gestik und Mimik doch „nonverbale“ Informationen verloren. Was mich sehr getroffen hat, waren mehrere Angehörige von Verstorbenen, die weinend vor mir saßen, und mir erzählten, dass sie sich nicht von ihren sterbenden Angehörigen verabschieden durften. Und auch ich durfte in dieser Situation diese Menschen durch die Abstandsregeln nicht adäquat trösten.

Als Arzt auch eine Vertrauensperson: Ober-Röder Internist betont Verantwortung

Nehmen die Patienten Corona ernst? Oder nehmen sie’s am Ende gar zu ernst und gehen aus Angst vor einer Infektion monatelang nicht mehr zum Arzt?

Natürlich beides. Ich empfehle, die Erkrankung ernst zu nehmen, aber keine Panik zu haben. Auch bei uns haben Patienten notwendige Untersuchungen abgesagt. Anderseits höre ich aus den wegen Corona überfüllten Krankenhäusern, dass immer noch Patienten wegen Banalitäten die Notaufnahme aufsuchen und die Krankenhäuser damit zusätzlich belasten.

Als Moderator des Qualitätszirkels haben sie kürzlich auch in unserer Zeitung sehr deutlich Position gegen jene Mediziner bezogen, die die Corona-Regeln von Händewaschen bis zum Lockdown für überzogen halten oder die Seuche gar herunterspielen. Was hat Sie zu solch klaren Worten bewogen?

Zunächst habe ich nicht alleine diese Positionen bezogen, sondern mit 65 weiteren Kollegen, darunter alle Chefärzte und Oberärzte sämtlicher Kliniken in unserem Bereich. Ich möchte jetzt nicht einige Kollegen besonders herausheben, denn mir sind alle Unterstützer wichtig und wertvoll. Als Arzt hat man natürlich zu seinen Patienten ein besonderes Vertrauensverhältnis. Man kann und darf in der Medizin oft unterschiedlicher Meinung sein. In diesem Fall werden durch falsches Verhalten aber auch andere Menschen gefährdet. Ich wollte mit dieser Aktion unserer Bevölkerung zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Ärzte anderer Meinung ist und die Einhaltung der Regeln befürworten.

Nicht nur die Pandemie, auch Falschmeldungen müssen bekämpft werden

Sind diese „Kollegen“ eine lautstarke Minigruppe oder sind diese Ansichten in der Ärzteschaft weiter verbreitet, als das der Laie vermutet?

Die mediale Präsenz, besonders im Internet ist groß, die Zahl sehr gering. Diese Leute untergraben jedoch das Vertrauen in die Mediziner. Ja – und sie verunsichern die Patienten.

Wie steuert der Qualitätszirkel dagegen?

Mit Fortbildung, was zur Zeit sehr schwer ist, und in Gesprächen wie diesem Interview.

Impfungen im Landkreis Offenbach: Arzt will sich so bald wie möglich schützen

Kurz vor Schluss noch eine Frage an den Rödermärker Allgemeinmediziner: Fühlt sich der „kleine“ Hausarzt in der Pandemie von den Ärzte-Organisationen und der Politik ernst genommen? Oder richten sich aller Augen nur auf die immer voller werden Intensivstationen?

Man muss ganz klar sagen: Die Hauptlast tragen die Pflegenden, Krankengymnasten, Putzfrauen und Ärzte der Notaufnahmen, Covid- und Intensivstationen. Ihnen gehört unsere ganze Hochachtung, Respekt und Dankbarkeit. Im Vergleich dazu und auch im Vergleich zu den wirtschaftlichen Folgen anderer Bevölkerungsgruppen, darf ich mich über meine Belastung durch Covid-19 nicht beschweren.

Doch noch ein Wort zum Impfen bitte...

Es gibt für die Zukunft eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden wir früher oder später erkranken und wir werden geimpft. Ich werde mich impfen lassen, sobald es möglich ist.

Das Gespräch führte Michael Löw.

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