Lebensmittel für Bedürftige

Corona-Krise in Rödermark: „Brotkorb“ wieder gefüllt

+
Neustart in der Weinlaube: Birgit Gursky (links) und ihr „Brotkorb“-Team gaben am Donnerstag wieder Lebensmittel an Bedürftige aus – nicht wie gewohnt im Keller des Gemeindehauses, sondern dort, wo beim Pfarrfest die Schoppen ausgeschenkt werden. Fast zwei Monate hatte die Corona-Zwangspause gedauert.

Am 13. März hatte das Coronavirus den „Rödermärker Brotkorb“ in eine lange Pause gezwungen. Nach fast zwei Monaten konnten Bedürftige dort wieder Lebensmittel abholen. Hygiene-Anordnungen und Abstandsregeln machten den Helfer aber jede Menge zusätzliche Arbeit. 

Rödermark – 31 Menschen mit dünnem Geldbeutel versorgten sich am Donnerstag Nachmittag beim „Rödermärker Brotkorb“ erstmals wieder mit gespendeten Nudeln, passierten Tomaten, Backwaren, Obst und Gemüse. Die ersten Kunden wurden ausnahmsweise schon vor 16 Uhr bedient – wer früh kam, hatte keine Probleme mit der Corona-Distanz von zwei Metern.

Die Lebensmittelverteilstelle hatte Mitte März zum letzten Mal aufgehabt. Als am 13. März der erste Coronafall in Rödermark bekannt wurde, machte Leiterin Birgit Gursky den Laden dicht. Kunden und Helfer – viele davon über 60 und damit in die Risikogruppe eingeordnet – sollten vor einer Ansteckung mit dem SARS-CoV-2-Virus geschützt werden.

Beim Neustart war jetzt vieles anders: Statt im Keller des evangelischen Gemeindehauses wurden die Lebensmittelspenden aus der Weinlaube heraus verteilt. Die Stadt hatte die Wiedereröffnung nur unter dieser Bedingung genehmigt. Und Birgit Gursky hatte Klinken geputzt. In den drei Urberacher Flüchtlingswohnheimen hatte sie Flugblätter mit Öffnungszeiten und Hygieneregeln aufgehängt. Bekannte Kunden sprach sie auf der Straße an. Auch das war eine Extra-Arbeit, die im Normalbetrieb überflüssig ist.

„Ich bin geschafft hoch drei!“, stöhnte eine angestrengte Helferin am Nachmittag und sagte auch gleich, warum: „Als Brillenträgerin war die Maske für mich sehr hinderlich.“ Morgens um acht hatten Birgit Gursky und ihr Team mit dem Sortieren von Obst und Gemüse angefangen. Dann packten sie dreimal 40 Tüten: haltbare Lebensmittel in die einen, Backwaren und Süßigkeiten in die nächsten, Gemüse und Obst in die dritten. Am Ende waren"s zuviel Tüten, um sie über die Treppe nach oben zu schleppen. Auf den paar Metern zwischen Untergeschoss und Weinlaube pendelte der VW-Bus der Gemeinde. Da musste Arbeitsschutz vor Umweltschutz gehen.

Normalerweise kommen pro Schicht etwa 40 Kunden, die meist für ganze Familien zum symbolischen Preis von einem Euro einkaufen. Mit den 31 Kunden beim Neustart war Birgit Gursky angesichts der kurzen Vorlaufzeit zufrieden. Vier Menschen kauften erstmals ein; ein junger Mann erkundigte sich außerdem nach den Bedingungen. Er muss beim Sozialamt einen „Rödermark-Pass“ beantragen, der seine Bedürftigkeit bescheinigt.

Der „Brotkorb“ versorgt rund 100 Familien, den typischen Kunden gibt es nicht. Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach Rödermark kamen, sind die größte Gruppe. Noch – muss man sagen. Denn viele haben mittlerweile wohl einen Job gefunden und brauchen keine Spenden mehr. Stattdessen kommen immer mehr Ältere, deren Rente hinten und vorne nicht reicht, und chronisch Kranke. „Ich befürchte, dass wir wegen der Coronakrise bald mehr Zulauf bekommen“, schwant Birgit Gursky für die nächsten Monate Böses.

Wie kamen diese Leute eigentlich in den vergangenen acht Wochen über die Runden? Birgit Gursky hatte bei der Schließung ihre Telefonnummer für Notfälle hinterlassen. Ein einziges Mal wurde sie angerufen und kaufte für einen jungen Langzeitkranken ein, der seine Wohnung aus Angst vor einer Ansteckung nicht verlassen wollte.

Das wundert die „Brotkorb“-Chefin kein bisschen: „Wir sind nicht die Grundversorger, sondern geben den Leuten was dazu. Dann haben sie Geld für einen Kinobesuch oder sonst ein Extra übrig.“

Service:

Der „Rödermärker Brotkorb“ am evangelischen Gemeindehaus Urberach, Wagnerstraße 35, ist jetzt wieder regelmäßig donnerstags von 16 bis 17 Uhr geöffnet. Ab nächster Woche sollen die Lebensmittel aber in einem Zelt auf dem Parkplatz vorm Untergeschoss ausgegeben werden. Das erspart den Helfern viel Schlepperei.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare