Deutsch-türkische Runde

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Mehmet Canbolat, Herausgeber einer türkischen Wochenzeitung (3. von links), war ein souveräner Moderator der zweiten Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl. Er gab auch zahlreiche Fragen aus dem Publikum an Stefan Junge (SPD), Norbert Rink (parteilos, von der CDU nominiert), Roland Kern (AL), Hans Gensert (FDP) und Manfred Rädlein (Freie Wähler) weiter.

Urberach ‐ „Haben wir in Rödermark denn wirklich keine anderen Probleme als Wahlplakate?“, wetterte Siggi Kubat und brachte endlich Pfeffer in die Diskussionsrunde mit den Bürgermeisterkandidaten. Von Michael Löw

Zu der hatte Rödermarks Ausländerbeirat am Freitagabend ins „SchillerHaus“ eingeladen. Rund 150 - überwiegend deutsche und türkische - Rödermärker waren ins neue Stadtteilzentrum gekommen.

Eine Frage des früheren AL-Stadtverordneten Werner Mühling hatte den Mann mit deutschem Namen und türkischem Pass so in Rage gebracht. Mühling hatte dem parteilosen CDU-Kandidaten Norbert Rink vorgeworfen, mit seinen Plakaten Bäume zu verletzen und so eine viertelstündige Debatte entfacht, wessen Konterfei das Stadtbild am meisten verschandele. Selbst Moderator Mehmet Canbolat wunderte sich: Einen solchen Streit um Plakate habe er nur in abgelegenen Bergdörfern seiner Heimat erlebt, als er vor Jahren fürs türkische Parlament kandidierte.

Ein türkischer Zuhörer wollte wissen, wie die Bürgermeister in spe zum kommunalen Wahlrecht für Ausländer, die nicht aus EU-Staaten kommen, stehen. Die in Rödermark lebenden Türken (knapp 1 000) sind eine weit größere Bevölkerungsgruppe als alle Bürger aus den Staaten der EU (gut 800).

Manfred Rädlein (Freie Wähler) lehnte das Wahlrecht mit dem Hinweis auf die USA ab, wo es so etwas überhaupt nicht gebe. Hans Gensert (FDP), Norbert Rink und Stefan Junge (SPD) sahen für die Rödermärker, die nicht in der Europäischen Union daheim sind, im Ausländerbeirat eine gute Lobby und forderten sie auf, sich dort zu engagieren.

Einzig Amtsinhaber Roland Kern (AL) bekannte sich im „SchillerHaus“ zu einem Wahlrecht über die EU-Grenzen hinweg: „Nur weil es den Seniorenbeirat gibt, würde ja auch keiner sagen, dass Senioren nicht zur Wahl gehen dürfen!“

Amtsinhaber und Herausforderer nutzten die Runde, um wie vor zwei Wochen bei der Kolpingsfamilie Ober-Roden, ihre Positionen zum neun Millionen Euro tiefen Loch im Haushalt 2011, zu steigenden Schulden, zu neuen Gewerbegebieten und zur teuer geleasten Kulturhalle zu bekräftigen.

Der souveräne Moderator Canbolat ließ darüber hinaus aber auch mehrere Bürger zu Wort kommen, die nicht zu den Parteigängern der fünf Kandidaten gehörten. Jürgen Reeh fragte zum Beispiel nach der seit Jahren versprochenen Video-Überwachung der Bahnhöfe. Kerns Mitteilung, dass der Magistrat diese Woche die Kameras für Ober-Roden bestellt, fand breite Zustimmung im Publikum und auf dem Podium. Gensert mahnte aber an, dass nicht noch einmal vier Jahre ins Land gehen dürfen, bis auch der Urberacher Bahnhof durch Kameras sicherer wird.

Die Runde im „SchillerHaus“ zeigte, wie groß der Gesprächsbedarf der ausländischen Rödermärker gegenüber Politik und Verwaltung unabhängig von den anstehenden Wahlen ist. Das Haushaltsdefizit interessierte eine Türkin nur am Rande: Die Frau vermisste einen Spielplatz für ihre Kinder in vertretbarer Entfernung zu ihrer Wohnung.

Quelle: op-online.de

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