Echte Tränen auf der Bühne

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Friederike Nedelmann zauberte einen alten Kaufmannsladen mit Produkten „Made in GDR“ hervor. Mit denen ließ es sich wunderbar über Planerfüllung und Wirtschaftswunder philosophieren.

Urberach - (chz) Fünf Jahre sind Friederike und Oliver Nedelmann, das bodenständige, stets authentische und manchmal hinreißend komische Schauspielerpaar von diesseits und jenseits der Zonengrenze, mit ihrem Wohnzimmertheater in Urberach.

Zu diesem Geburtstag - und zum 20. Jahrestag des Mauerfalls - schenkten sie sich selbst und allen Theaterfreunden eine Premiere: die Geschichte ihrer eigenen Beziehung. Nach dem Dauerbrenner „Born in the GDR“, einer „Eigenproduktion über Jugend in der DDR“, folgen nun „Die Jahre bis zur Wende“ - wie sie selbst es definieren, „eine Eigenproduktion über den ganz normalen Alltag in der DDR.“

Der wird dann auch buchstäblich im Zwiegespräch aus der verstaubten Kiste herausgeholt und den Zuschauern in Fakten und in Assoziationen präsentiert - von alten Liebesbriefen als eher unpassende Antwort auf Geburtsanzeigen, vom Spielzeug-Kaufmannsladen, anhand dessen wunderbar über das Wirtschaftswunder der DDR und des goldenen Westens philosophiert werden kann, bis zu den Stasi-Akten aus der Birthler-Behörde, nach deren Einsicht man froh ist, „nur“ alte Briefe darin zu finden. Und selbst eine so gestandene Theaterfrau wie Friederike Nedelmann wird da auf der Bühne mal von (echten) Tränen der Erinnerung übermannt („Ich muss nur wieder richtig wütend werden, dann sind die Tränen wieder weg!“ Der Satz stand in keinem Drehbuch, aber jeder Zuschauer verstand ihn.)

Niemanden, der auch nur einen Funken Interesse an der deutsch-deutschen Geschichte hat, wird dieses Stück kalt lassen, und im Notfall kann man sich immer noch an der bittersüßen Liebesgeschichte mit glücklichem Ausgang ergötzen. Schließlich liebte man sich lange Jahre nicht nur über die Mauer, sondern auch über jeweils eigene Familien mit Partnern und Kindern hinweg, mit vier Treffen in sechs Jahren, mit Zwangsumtausch und geschmuggelten Büchern und mit der Liebe als lange Jahre einzigem Strohhalm. Unter diesem Blickwinkel bekommt die Wende auch für den Zuschauer an diesem Premierentag im restlos ausverkauften Wohnzimmer einen völlig neuen Stellenwert.

Nach der Premiere wurde es noch privater: traditionell wurden Kühlschrank und Vorräte geplündert und in der Küche Theatergeburtstag gefeiert, diesmal sogar mit Matratzenlager und Frühstück am nächsten Morgen.

Also: Wer schon alles im Wohnzimmertheater auf dem Bosch-Gelände kennt, der kann sich jetzt auf Neues freuen!

Quelle: op-online.de

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