Schwere und dankbare Aufgabe

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Karl-Dieter Grimme (rechts) ist der einzige Mann im Rödermärker Seniorenbesuchsdienst. Wenn er bei Franz Schrod in der Waldstraße klingelt, hat er meist auch die OFFENBACH-POST dabei. Mit der diskutieren die beiden das Geschehen in Rödermark und Umgebung. Und nicht immer sind die Gespräche so fröhlich wie auf unserem Foto, denn Schrod wird auch nach Jahrzehnten noch von bösen Kriegserinnerungen gequält.

Ober-Roden - Karl-Dieter Grimme macht um sein Ehrenamt wenig Aufhebens. „Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn man bereit ist zu helfen, dann hilft man denen, die nicht immer so viel Glück im Leben hatten“, erklärt der 73-Jährige knapp, warum er sich dem städtischen Seniorenbesuchsdienst angeschlossen hat. Von Michael Löw

Wir haben mit ihm und zwei Frauen über Motivation und Erfahrungen gesprochen. Seit vorigem Jahr schaut Grimme regelmäßig bei zwei betagten Rödermärkern vorbei. Einer von ihnen ist Franz Schrod, der die Ober-Röder Gemeindekasse von 1947 bis zum Zusammenschluss mit Urberach verwaltete.

Erinnerungen an Stalingrad haben sich in seinem Kopf festgebrannt. Wenn er Grimme das Grauen von damals schildert, fängt er an zu weinen und schämt sich seiner Tränen nicht. Das macht das Zuhören zu einer ebenso schwierigen wie dankbaren Aufgabe.

Was soll man auch jemandem erwidern, der mit 17 Jahren noch ein Bußgeld zahlen musste, weil er als Heranwachsender auf der Tanzmusik erwischt wurde und von den gleichen Behörden wenige Monate später in den Krieg geschickt wurde?

Karl-Dieter Grimme hat die Geschichte ein paar mal schon gehört: Ein Zug brachte Franz Schrod von der Ausbildung direkt an die Front nach Russland. Seine Einheit war noch nicht ausgeladen, da hatte sie schon die ersten Verwundeten zu beklagen. Am 9. November 1943 zerfetzte ein Granate Schrods Hüfte. Sechs Stunden lag er hilflos im Schnee; die Kälte schloss die Wunde und rettete ihm das Leben, sonst wäre er verblutet. 15 Monate hing der junge Soldat im Streckverband. Einmal ging’s ihm so dreckig, dass er schon um Gulasch mit Klößen als letzte Mahlzeit gebeten hatte.

Die beiden Männer verstehen sich prächtig

Die beiden Männer verstehen sich prächtig. Vielleicht ist es ja das Leid, das sie verbindet. Denn Karl-Dieter Grimme wuchs in Stendal in Sachsen-Anhalt auf und konnte mit seiner Familie im letzten Moment nach West-Berlin flüchten. Sonst hätten die Sowjets sie nach Sibirien verschleppt.

Trotz dunkler Schatten über der Vergangenheit haben sie viel Spaß miteinander. Grimme und Schrod fahren gemeinsam ins Café oder spielen. Zeit spielt für den Besucher keine Rolle, er ist seit Jahren Witwer: „Da ist’s egal, ob ich abends um sechs oder um acht daheim bin.“

Karl-Dieter Grimme wird immer mit offenen Armen empfangen. Diese Erfahrung bestätigt auch Ursula Schäfer, die im „Haus Mamre“ der Christusträger einen 87-Jährigen betreut, der fast blind ist. „Er betrachtet mich als Freundin, wir diskutieren lange über Politik und Wirtschaft“, erzählt die frühere Hauswirtschaftsleiterin eines Altenheims. Ihr Gastgeber revanchiert sich mit Musik auf der Mundharmonika.

Reggi Camus besucht jeden Mittwoch für zwei- oder zweieinhalb Stunden eine Urberacherin, die nach einem Schlaganfall vor eineinhalb Jahren im Rollstuhl sitzt. Ein Einkaufsbummel im Märktezentrum oder die Fahrt zum Grab ihres Mannes sind willkommene Abwechslungen in der Einsamkeit.

„Ich brauche da viel Einschätzungsgefühl. Sie will viel selbst machen, braucht gleichzeitig aber auch Hilfe“, beschreibt Reggi Camus ein Problem, dem sich die Besucher immer wieder gegenüber sehen.

Ehrenamtsbüro Rödermark hat sie in einem Seminar vorbereitet

Das Ehrenamtsbüro Rödermark hat sie in einem Seminar auf solche Situationen vorbereitet. 17 Frauen und Karl-Dieter Grimme lernten, wie sie auf die alten Menschen zugehen, auf ihre Bedürfnisse eingehen oder einfach ein Gespräch beginnen. Wolfgang Geiken-Weigt, der Leiter des städtischen Sozialdienstes, und Krankenschwester Dagny Schüler vermittelten ihnen Grundkenntnisse im Umgang mit Demenzkranken. Ursula Schäfer: „Dieses Seminar hat uns als Gruppe zusammengeschweißt.“

Fachbereichsleiter Gregor Wade, Elke Heidelbach vom Ehrenamtsbüro, Renate Lerch, die den Besuchsdienst ehrenamtlich koordiniert, und Marianne Gräser vom Kooperationspartner AWO sind voll des Lobes, Wade spricht von einer „riesengroßer Nische menschlicher Zuneigung.“ Renate Lerch bringt nette Worte aus dem Ort mit: „Immer wieder erzählen mir Angehörige beim Einkaufen: Mein Vater ist glücklich!“ Was bestimmt auch für etliche alte Mütter gilt.

Nachdenklich stimmt indes ein Satz von Karl-Dieter Grimme: „Es ist eine Verarmung unserer Gesellschaft, dass so ein Besuchsdienst überhaupt nötigt ist!“

Quelle: op-online.de

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