Urberacher erinnern sich

Villa Bloch in Rödermark: Von der NS-Kaderschmiede übers Kinderheim bis zum Swingerclub

Der „Bund Deutscher Mädel“ schulte schon in den Dreißigerjahren junge Frauen aus vielen Teilen des Reichs, die den NS-Machthabern treu ergeben waren. Nach ihrer Ausbildung sollten sie die seinerzeit überwiegend kirchlichen Kindergärten auf die Linie der NSDAP bringen. Die Urberacher Buben bekamen davon nicht viel mit. Sie freuten sich aber, wenn sie zum Feiern ins Haus Eichen eingeladen wurden.
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Der „Bund Deutscher Mädel“ schulte schon in den Dreißigerjahren junge Frauen aus vielen Teilen des Reichs, die den NS-Machthabern treu ergeben waren.

Über das Kinderheim in Rödermark ist wenig bekannt. Doch mehrere Urberacher schildern, was sie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Villa Bloch verband.

Rödermark - Petra Lang verbrachte die ersten beiden Jahre ihres Lebens in der „Oase“. Der heutige Swingerclub in Rödermark war in den Fünfzigerjahren ein Kinderheim, in dem Petra Lang auf Spurensuche ging. Ihre wenigen Erinnerungen hatte sie schon in „Swingerclub war einst Kinderheim“ erzählt und bat die Urberacher um Einzelheiten über die Villa, die der jüdische Unternehmer Robert Bloch und seine Frau Elise ab 1923 an der Straße nach Messel bauen ließen und 1927 bezogen. Die Villa Bloch musste während der Nazi-Zeit treudeutsch „Haus Eichen“ heißen.

Renate Forster lernte Villa Bloch in Rödermark als Ferienheim kennen

Die heute 69-Jährige lernte das Kinderheim als Ferienheim kennen. Allerdings unter evangelischer Trägerschaft und nicht wie Petra Lang glaubte unter der Leitung katholischer Schwestern. Mit einer Gruppe der Frankfurter Matthäusgemeinde erlebte sie schöne Tage am Urberacher Waldrand.

Elfriede Lotz-Frank war neidisch auf Schwestern in Villa Bloch

„Wir Urberacher Mädchen waren neidisch auf die Schwestern im Kinderheim“, bekennt sie. Die Orwischer Jungs knatterten nämlich mit ihren Mopeds zur Villa Bloch, weil ihnen die jungen Damen im Ort nicht flott genug waren. Elfriede Lotz-Frank, Jahrgang 1936, kennt das Haus als Kaderschmiede von Hitlers „Bund Deutscher Mädel“ (BDM). Die kamen aus dem halben Reich nach Urberach und wurden hier geschult, um kirchliche Kindergärten auf Parteilinie zu bringen. Wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner hätten sie das Haus fluchtartig geräumt. Die US-Armee quartierte sich im April 1945 dort ein. Urberacher Frauen, die wie Elfriede Lotz-Franks Mutter bei der Gemeinde gearbeitet hatten und als Nazi-Mitläufer betrachtet wurden, mussten putzen und aufräumen. Die Kinder durften spielen und freuten sich über Buntstifte und Bastelpapier, die überall herumlagen.

Für Klaus-Joachim Rink war die Villa Bloch ein Treffpunkt der Hitlerjugend

Auch der Historiker, der an einem Buch über Nazi-Gegner und -Verfolgte aus Ober-Roden und Urberach arbeitet, kennt die Unternehmervilla als Treffpunkt von Hitlerjugend und BDM. Seine Mutter hat ihm davon erzählt.

Marianne Behrens bekam Ärger nach Besuch der Villa in Rödermark

Ihre Familie kam 1943 aus Wuppertal nach Urberach. Neugierig ging sie mit Schulkameradinnen ins BDM-Heim, ihr erster Besuch blieb auch ihr letzter: „Ich bekam einen Riesenärger mit meinem Vater.“

Karl Sturm erinnert sich an das „Haus Eichen“

Die Urberacher wussten nicht viel über das, was die „Deutschen Mädels“ im Haus Eichen taten, erzählt der 95-Jährige. Aber Jungvolk und Hitlerjugend wurden eingeladen, wenn die Kurse Abschluss feierten. Wie viele Buben aus katholischen Familien hatte Karl Sturm sich lange von den NS-Nachwuchsorganisationen ferngehalten – und ging ihnen am Ende doch auf den Leim: „Wer nicht in der Hitlerjugend war, musste samstags in die Schule. Die anderen durften auf dem Viktoria-Sportplatz kicken.“

Vor den Rundbögen der Terrasse ließen sich Karl Sturm, sein Bruder Franz und ihr Cousin Karl Müller im Sommer 1940 fotografieren.

Der Soldat Karl Sturm wurde in Italien als Kriegsgefangener interniert. Zur Entlassung wurde er am 10. April 1945 ins schon befreite Berchtesgaden gebracht. Der US-Offizier, der ihn verhörte, kannte nicht nur Urberach, sondern auch die Villa Bloch und Sturms Onkel: Der „Gemüse-Karl“ war Gärtner des Unternehmerpaars gewesen.

Nach dem Einmarsch in Urberach machten die Amerikaner das große Anwesen zum Offizierscasino. Einige Urberacher mit besonderen Beziehungen durften dorthin. Karl Sturm gehörte zu den Glücklichen. Und hatte nach dem Abzug der US-Armee sogar einen Schlüssel für die Villa. Von wem? „Vielleicht hat ihn uns einer gegeben, vielleicht haben wir auch einem abgezogen“, sagt er nur.

Karl Sturm bestätigt, was Renate Forster zur Kinderheimleitung gesagt hat: „Es waren evangelische Schwestern.“ Denn bis Mitte der Fünfzigerjahre stand im Urberacher Wald noch eine zweite Unternehmer-Villa – die des Fabrikanten Kleyer („Adlerwerke“ Frankfurt). Der hatte gute Kontakte zu evangelischen Schwestern. Und die waren den überwiegend katholischen Orwischern nicht unbedingt willkommen bei der Kinderbetreuung.

Rödermark: Nach unserem Bericht über das Kinderheim im heutigen Swingerclub „Oase“ haben Karl Sturm (95) und andere Urberacher noch viele Einzelheiten zur wechselvollen Geschichte der Villa Bloch erzählt.

Petra Lang findet die Geschichte der Villa Bloch gigantisch

Das einstige Heimkind findet die Geschichte der Villa Bloch gigantisch, sie sei ein Zeitspiegel sondergleichen. Gerne hätte sie Klaus-Joachim Rink weitergeholfen, der beim Wohnort ihrer Adoptiveltern (Neu-Isenburg) hellhörig wurde. Sein Großonkel Franz Lang, der keine eigenen Kinder hatte, wohnte nämlich dort. Aber Petra Lang muss ihn enttäuschen: Die Adoptiveltern hießen Fiedler. Den Namen Lang hat sie von ihrem Mann, der aus der Nürnberger Gegend stammt. (Michael Löw)

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